Aufarbeitung von Securitate-Akten


Solidaritätsfonds zur Unterstützung von Securitateopfern

Abschied in Arad, Anton Sterbling

Das Leben einer Akte/Chronologie einer Bespitzelung, Johann Lippet

Doppelt überwacht, Georg Herbstritt

Erste Begegnung mit der Securitate, William Totok

Rumäniendeutsche Literatur im Spiegel und Zerrspiegel der Akten des rumänischen Geheimdienstes „Securitate“

Resolution der Tagung in München

Geheimdienst zu Besuch, Rheinpfalz, 21.1.10

Schriftverkehr zwischen Horst Samson und Franz Schleich

Rechtliche Schritte gegen Spitzel? Von Georg Herbstritt, HJS-Blogspot

Die Hinterlassenschaften der Securitate. Eine unbewältigte Vergangenheit, Prof. Dr. Anton Sterbling

Stets im Visier der Securitate. Die Aktionsgruppe Banat blieb vom langen Arm der gefürchteten Geheimpolizei nicht verschont, von Andrei Avram

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Solidaritätsfonds zur Unterstützung von Securitateopfern in rechtlichen Auseinandersetzungen
Von Anton Sterbling

Die Aufarbeitung der Machenschaften und Verbrechen der Securitate erfolgte in Rumänien bisher recht unbefriedigend, wenngleich intensivere Bemühungen in den letzten Jahren nicht zu verkennen sind. Dies wirkt sich auch auf die Lage und Handlungsmöglichkeiten der in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Opfer der politischen Polizei Rumäniens aus. Ihnen sind ihre Opferakten, wenn überhaupt, erst spät zugänglich geworden und die ausgehändigten Akten sind vielfach offenkundig unvollständig. Zudem ist bislang die nach rumänischer Rechtslage mögliche Auskunft der Klarnamen der Täter, also der Informanten und informellen Mitarbeiter der Securitate, nur zögerlich und lediglich in begrenzten Fällen erteilt worden.

Trotz dieser schwierigen Umstände ist es mittlerweile gelungen, eine Reihe aktiver Helfer der politischen Polizei Rumäniens in der Zeit der kommunistischen Herrschaft zu identifizieren, die durch ihre dokumentierte Zusammenarbeit mit der Securitate und nicht zuletzt durch ihre schriftlich vorliegenden Berichte einzelne Opfer nachweislich und gravierend geschädigt haben. Dies geschah auf drei Wegen: auf der Grundlage akribischer Studien der ausgehändigten Akten durch die Opfer selbst und des Austausches der Opfer über die aus ihren Aktenbeständen gewonnenen Einzelerkenntnisse; durch unabhängige wissenschaftliche Akten- und Archivuntersuchungen von ausgewiesenen Wissenschaftlern, die nach einschlägigen Methoden der Erforschung zeitgeschichtlicher Dokumente und Archivalien erfolgten; durch Recherchen und wissenschaftliche Untersuchungen der Mitarbeiter des Nationalen Rats für das Studium der Archive der Securitate („Consiliul national pentru Studierea Arhivelor Securitatii“/CNSAS) im Rahmen ihres gesetzlichen Auftrags.

Nun ergibt sich zur Zeit die problematische Konstellation, dass Täter, die zum Teil auf allen drei Wegen enttarnt wurden, deren Taten in ihren Folgen für die Opfer ohne Zweifel als besonders schwerwiegend zu betrachten sind und die auf Grund ihrer vormaligen Funktionen und Tätigkeiten in Rumänien sowie ihrer späteren Tätigkeit in der Bundesrepublik Deutschland als Personen der Zeitgeschichte bzw. Personen des öffentlichen Lebens zu betrachten sind, gegen ihre Enttarnung bzw. gegen die öffentliche Nennung ihres Namens und gegen die auf Aktenauswertungen und Aktendokumentationen gestützten Darstellungen ihrer Taten vor bundes- deutschen Gerichten rechtlich vorgehen. Dabei ist das rechtliche Vorgehen sowohl gegen Opfer wie auch gegen Wissenschaftler als Autoren entsprechender Veröffentlichungen gerichtet. In einem freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat ist solches Vorgehen zwar jedermann unbenommen, es würde aber wohl völlig unhinnehmbar erscheinen, wenn solche Rechtsverfahren in ihrem Ergebnis letztlich dazu führten, dass einschlägige Täter im Hinblick auf ihre öffentliche Enttarnung und Darstellung ihrer Untaten grund­sätzlich geschützt werden würden.

Zwar gelten in einem Rechtsstaat grundsätzlich die Unschuldsvermutung sowie der Schutz der Persönlichkeitsrechte verdächtiger Täter. Dies hat aber dann und dort seine Grenzen, wenn sich die Beweislage auch im material-rechtlich relevanten Sinne unzweifelhaft darstellt und es sich bei den Tätern um Personen der Zeitgeschichte oder des öffentlichen Lebens handelt. Wenn es empirisch gesicherte, nach einschlägigen wissenschaftlichen Methoden der Aktenanalyse und Zeitzeugenbefragung gewonnene Erkenntnisse über Täter, Tatumstände, Einzeltaten und Folgen dieser Taten gibt, müssen diese nach geltenden wissenschaftlichen Gepflogenheiten und Normen selbstverständlich veröffentlicht werden.

Dies gilt umso mehr, wenn es sich um Fakten und Erkenntnisse handelt, die nicht nur durch Aktenrecherchen und Zeugenaussagen vielfach abgesichert sind, sondern die sich darüber hinaus auch durch die Behörde eines EU-Staates offiziell bestätigt finden.

Es wäre in einem freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat zumindest aus drei gewichtigen Gründen nicht hinnehmbar, wenn die Veröffentlichung der Namen und Untaten solcher Personen allein aus formalrechtlichen Gründen, ohne materialrechtliche Prüfung der gegebenen Tatvorwürfe, verhindert werden würde.

Erstens wegen der Opfer, die in ihren Leiderfahrungen und in ihrer menschlichen Würde erneut gedemütigt würden, wenn ein weitgehender Schutz der Täter die Veröffentlichung ihrer Namen und die Darstellung ihrer Untaten verhindern würde. Dies würde die Opfer nämlich ein zweites Mal dem Willen der Täter unterwerfen und gleichsam ein zweites Mal zu Opfern werden lassen.

Zweitens wegen der in § 5, Abs. 3, des Grundgesetzes garantierten Freiheit der Wissenschaft, die sicherlich unzulässig eingeschränkt wäre, wenn nach gängigen Regeln und Methoden der empirischen Forschung gewonnene Erkenntnisse über Herrschaftsmechanismen und Unterdrückungsformen sowie die daran mitwirkenden Akteure, insbesondere soweit diese als Personen der Zeitgeschichte zu betrachten sind, nicht veröffentlicht werden könnten. Dem steht das Veröffentlichungsgebot wissenschaftlicher Forschungsergebnisse und Erkenntnisse geradezu diametral entgegen.

Drittens würde damit eine gründliche, anschauliche und kritische, ins Konkrete und Einzelne gehende Auseinandersetzung mit dem Kommunismus als repressiver Herrschaftsform, mit dessen Unterdrückungsmechanismen, Basisinstitutionen und herrschaftstragenden Akteurgruppen, zu denen die Securitate sowie deren Helfer und Helfershelfer in Rumänien zwei- fellos zählten, sowie mit entsprechenden historischen und moralischen Verantwortungs- und Schuldfragen in problematischer Weise eingeschränkt. Gerade in freiheitlich-demokratischen Gesellschaften ist es im Sinne der Weiterentwick­lung der politischen Kultur notwendig und geboten, das Bewusstsein für die Werte der Freiheit und gleichsam auch die Sensibilität für die Gefahren der Unfreiheit zu stärken. Einen Schlussstrich unter die Auseinandersetzungen mit den Verbrechen des Kommunismus und die Machenschaften der Securitate zu ziehen, indem Täter und ihre Untaten vor der öffentlichen Darstellung und Diskussion geschützt würden, wäre im Sinne unserer politischen Kultur sowie unserer historischen Verantwortung völlig inakzeptabel, wie sehr dies auch manche, aus leicht nachvollziehbaren Gründen, wünschen und anstreben.

Leider sind derzeit rechtliche Auseinandersetzungen anhängig, bei denen sich Einzelne gegen ihre Enttarnung und die öffentliche Diskussion ihrer nachweisbaren Taten zu immunisieren suchen. Bei diesen Rechtsverfahren geht es nicht nur um Täter und Opfer und eine erneute Belastung der Opfer, sondern – wie bereits angesprochen – um darüber hinausgreifende Fragen der Freiheit wissenschaftlicher Forschung, der journalistischen Arbeit und Publikationstätigkeit sowie der gründlichen und konkreten Aufarbeitung der Verbrechen des Kommunismus in Ru­mänien. Damit auch diese rechtlichen Auseinandersetzungen mit aller notwendigen Konsequenz, Professionalität und Unterstützung betrieben werden können und letztlich zum erwar- teten Erfolg führen, schlagen wir vor, einen „Solidaritätsfonds zur Unterstützung von Securitateopfern in rechtlichen Auseinandersetzungen“ einzurichten.

Wir (Peter Motzan und Anton Sterbling) sind bereit, diesen „Solidaritätsfonds“ mit einem substanziellen Grundbetrag auszustatten, und hoffen dabei natürlich auch auf weitere Zuwendungen und Spenden von Schriftstellern, Wissenschaftlern, Künstlern und Intellektuellen wie selbstverständlich auch anderer Bürger und nicht zuletzt aus dem Banat und aus Siebenbürgen stammender Landsleute, damit nicht die Täter über die Opfer, nicht das Unrecht über das Recht obsiegt, wie lange diese rechtlichen Auseinandersetzungen auch dauern mögen. Wir denken, dass wir in diesen Auseinandersetzungen sehr Wertvolles wie Freiheit, Anstand und Würde zu verteidigen haben. Bei entsprechender Zustimmung würden wir alsbald ein „Solidaritätskonto“ einrichten und für jede Zuwendung und Spende dankbar sein. Es geht dabei nicht nur um einen „Geldbetrag“, sondern auch und vor allem um „Solidarität“ mit den Opfern und um bewusste und konsequente Verurteilung der Verbrechen der Securitate.

ANTON STERBLING (nach oben)

Anton Sterbling erhielt am 11. Juni 2009, nachdem er im Herbst 2008 einen entsprechenden Antrag gestellt hatte, Einsicht in seine Securitate-Akte. Aus diesem Beitrag, der im "Groß-Sankt-Nikolauser Heimatheft 2010" in voller Länge erscheinen wird, eine kleine Ausarbeitung:

Abschied in Arad

dein Paß weist dich aus:
als Fremde,
die mir möglichst
unbekannt bleiben sollte,
der ich durch Gleichgültigkeit
den besten Dienst erweis
soll ich noch etwas sagen?
ich denke an deine schwierige Reise
und bitte dich:
erwähne die Nächte nicht.
Du brauchst ja nichts zu vergessen,

aber die Grenzkontrollen –
darauf mußt du vorbereitet sein
ich kann mit deiner Angst
nicht auch noch fertig werden
verstehst du eigentlich noch,
weshalb ich so herumstehe?
hat die Grenze
unsere Lippen schon erreicht?
du brauchst ja nichts zu vergessen –
erwähne die Nächte aber nicht.
weist du,
die Grenzkontrollen
vergesse nicht ...

Einige Anmerkungen

Das Gedicht „Abschied in Arad“ hat einen ganz besonderen Entstehungshintergrund, der nun, nachdem mir ein Teil meiner Securitateopferakten zugegangen ist,(1) noch deutlicher wird. Vom 27. Juni 1973 bis 8. Oktober 1974 wurde auch seitens der Securitate in Reschitza, meinem damaligen Studienort, mit hoher krimineller Energie wie auch auf eine größere Zahl von informellen Mitarbeitern (zumeist Studienkollegen) gestützt, ein Beobachtungs- und Verfolgungsverfahren („Urmarire informativa“) gegen mich unter dem konspirativen Namen „Pletosul“ („Der Langhaarige“) betrieben. Allein dazu liegen in den Archiven der ehemaligen Securitate rund 200 Seiten vor. Aus diesen ist zu entnehmen, dass am 23. September 1973 auch ein Strafverfahren („Urmarie penala“) gegen mich eröffnet wurde. Dieses hing mit einer bereits am 22. September 1973 begonnenen Beobachtung(2) rund um die

Uhr zusammen, nachdem ich mit meiner damaligen Freundin und heutigen Frau Marianne(3) im Hotel„ Semenic“ in Reschitza angekommen war und wir – wie den Akten zu entnehmen ist – ein von der Securitate ausgewähltes und präpariertes Zimmer, mit Einsicht aus dem Nebenraum, erhielten. Diese Beobachtungen und Ermittlungen wurden durch eine Spezialeinheit aus Temeswar durchgeführt, die mir übrigens den Decknamen „Stoian“ gab.(4) Da ich die Observation – für so etwas schon genügend sensibilisiert – rasch bemerkte, hielten wir uns nur wenig im Hotel auf, sondern suchten stattdessen die
Ö ffentlichkeit, auch und nicht zuletzt mit und unter Studienkollegen.
Die uns verfolgenden und auf Schritt und Tritt beobachtenden Ermittler – es waren mindestens 8 bis 12, die wir identifizieren konnten, wobei jede Ablösung für uns leicht zu erkennen war, da sie Autos mit Kennzeichen des Kreises Temesch benutzten – zählten dann mehrere Tage lang, nämlich bis zum 25. September 1973, zu unseren ständigen Begleitern, zunächst in Reschitza, dann in Temeswar und schließlich in Arad.
Im Hotel wurde unsere Abwesenheit natürlich genutzt, um unser Hotelzimmer zu durchsuchen und um meine dort befindlichen literarischen Manuskripte wie auch bereits veröffentlichte Gedichte zu photographieren. Es handelte sich u.a. um zwei „absurde“ Theaterstücke,(5) die ich damals schrieb und an denen die Securitate offenbar ein besonderes Interesse hatte, wie den Akten und insbesondere den entsprechenden Aussagen der Informanten zu entnehmen ist.(6) Die Kopien dieser literarischen Arbeiten finden sich auch in meinen Akten dokumentiert, wobei die als besonders gefährlich betrachtete
Stellen unterstrichen und ins Rumänische übersetzt wurden. Ich hatte vor, diese Arbeiten Marianne nach Deutschland mitzugeben, was wir dann allerdings, angesichts der neu eingetretenen Situation, natürlich unterließen.
Als Marianne am 25. September 1973 gegen 10 Uhr in Arad den Zug nach Wien bestieg, standen vier bis sechs Männer in meinem Rücken. Als der Zug Abfuhr blieb ich lange regungslos stehen, ohne mich umzudrehen. Es war eine endlose Zeit – sie war der Ausgangspunkt meines Gedichts „Abschied in Arad“. Als ich mich umdrehte, war ich allein. Da man weder bei der strengen Gepäckkontrolle die Manuskripte fand, noch ich sie nachträglich an Marianne weiterreichte, wie man wohl beobachtete, noch gar mit dem Zug mitfuhr, wie man vielleicht auch als Möglichkeit angenommen hatte, war kein
unmittelbarer Grund für meine Festnahme, für „operative Maßnahmen“ („Masuri operative“), wie es in der Sprache der Securitate hieß, gegeben.

Die letzten Stunden bis zum „Abschied in Arad“ wurden in den Akten der Securitate wie folgt festgehalten.(7)

„ Vom Sommergarten des Restaurants Cina sind sie um 0,30 Uhr weggegangen, sie sind durch
den „Central“-Park gegangen8 und gingen zum Bahnhof Temeswar Nord.-
Bis um 5,11 Uhr, als sie mit dem Personenzug Richtung Arad fuhren, sind sie im Bahnhof geblieben.
In dieser Zeit spazierten sie auf dem Bahnsteig, setzten sich auf eine Bank, dann sind sie in den
Warteraum I. Klasse gegangen, wo sie schliefen.-
Um 4,30 Uhr sind sie herausgekommen, nahmen ihr Gepäck und bestiegen den Personenzug Temeswar-
Großwardein (rumänisch: Timisoara-Oradea), der auf das Gleis geschoben wurde. In diesem
Zug haben sie Platz genommen und sind bis nach Arad gefahren. In Arad haben sie das Gepäck an
der Gepäckaufbewahrung abgegeben und sind nachher zu Fuß in die Stadt.-
Sie haben in der Konditorei „Spicul“ gefrühstückt und sind dann in das Hotel „Astoria“ gegangen,
wo die Genannte SOMER MARIANE (Handschriftlich und orthographisch falsch im rumänischen
Dokument) Valuta im Wert von ca. 500 Lei wechselte, die sie dem Objekt „STOIAN“ überreichte.
Dieser ist nicht in die Empfangshalle des Hotels eingetreten, sondern wartete auf dem Boulevard der
Republik.-(9)
Sie spazierten dann noch am Ufer der Marosch(10) und sind sodann zum Bahnhof gegangen, wo die
Genannte zur Zollkontrolle ging und das Objekt „STOIAN“ in der Bahnhofshalle auf sie wartete.
Nach der Zollkontrolle haben sie sich auf dem Bahnsteig wieder getroffen und nahmen das Gepäck
und gingen zum Gleis 3, wo sie auf den internationalen Zug aus Bukarest warteten.-
Bis zur Ankunft des Zuges haben sie sich umarmt und geküsst. Nachdem er ihr geholfen hat einzusteigen,
half er ihr beim Gepäck, dann ist das Objekt „STOIAN“ ausgestiegen und diskutierte mit der
Genannten SOMER MARIANE (Handschriftlich und orthographisch falsch im rumänischen Dokument),
die am Fenster ihres Waggons stand.-
Beim Abschied waren Beide sehr bedenklich und weinte(n). Das Objekt „STOIAN“ bleib auf dem
Bahnsteig bis der Zug wegfuhr, dann ist er tief in Gedanken versunken in die Bahnhofshalle zurückgekehrt,
wo er sich nach der Abfahrt eines Zuges nach Temeswar erkundete.-
Danach ist er auf den Platz vor dem Bahnhof hinausgegangen und ist in die Richtung des Stadtzentrums
aufgebrochen, ungefähr um 10,45 Uhr.-“
Mit diesem Moment der Spionageaufklärungsmaßnahme (rumänisch: „moment filajului“) war
diese zu Ende.-“

Aus technischen Gründen hier eine Abschrift des rumänischen Textauszugs, keine Wiedergabe der Photokopie, wie ursprünglich beabsichtigt. Diese Abschrift ist textidentisch mit der Photokopie und dem Original.

De la gradina restaurantului Cina au plecat la orele
0,30, au trecut prin parcul “Central” si au mers la gara
C.F.R. Timisoara Nord.-
Pîna la orele 5,11 cînd au plecat cu trenul personal
spre Arad au ramas la gara. In acest timp s-au plimbat pe
peron, au stat pe banca, apoi au intrat în sala de
asteptare clasa I-a unde au dormit.-
In jurul orelor 4,30 au iesit, si-au luat bagajele
urcînd în trenul personal Timisoara-Oradea care a tras la
peron. In acest tren au ocupat loc si au plecat pîna la
Arad. In orasul Arad au lasat bagajele la magazie dupa
care au plecat pe jos prin oras.-
Au servit micul dejun la cofetaria “Spicul” apoi au
plecat la hotelul “Astoria” unde numita SOMER MARIANE,
a schimbat valuta primid cca. 500 lei pe care i-a dat
obiectivului “STOIAN”. Acesta nu a intrat în holul hotelului
, ci a asteptat-o pe B-ul Republici i .-
S-au mai pl imbat pe faleza Muresului apoi au mers la
gara unde numita a intrat la controlul vamal iar obiectivul
“ STOIAN” a asteptat-o în hol . S-au reîntî lnit pe
peron dupa efectuarea controlului vamal , au luat bagajele
iesind pe peronul l iniei a 3-a und au asteptat trenul
internaNional din direcNia Bucuresti .-
Pîna la sosirea trenului s-au îmbraNisat si sarutat.
Dupa ce a ajutat -o sa urce, i-a ajutat la bagaje, obiectivul
“ STOIAN” a coborît si a ramas pe peron discutînd cu
numita SOMER MARIANE ce era la geamul vagonului .-
La desparNire erau amîndoi îngînduraNi si pl îngea.
Obiectivul “STOIAN” a ramas pe peron pîna la plecarea
trenului apoi a plecat îngîndurat în holul gari i unde s-a
interesat cînd are tren spre Timisoara.-
Dupa aceea a iesit în P-Na Gari i si a plecat pe jos pre
centrul orasului , orele fiind 10,45.-
Din acest moment filajului a luat sfîsit.-
x x x x
Diese Textseite trägt – wie alle – einen roten Stempel: C.N.S.A.S. / 05 Jun 2009 / DirecNia
Arhivala Centrala (C.N.S.A.S. = Consiliul naNional pentru Studierea Arhivelor SecuritaNii
(Nationales Konzil für das Studium der Archive der Securitate / 5. Juni 2009 / Zentrale
Archivdirektion), sowie die handschriftliche Seitenzahl 55.

Fußnoten:

1 Dies erfolgte am 11. Juni 2009, nachdem ich im Herbst 2008 einen entsprechenden Antrag gestellt habe.
2 Die entsprechende, „streng geheime“ („strict secret“) Akte Nr. 003388/6, vom 28. September 1973, ist eine
vom Innenministerium. Militärische Einheit Nr. 0672/8. Temeswar (MINISTERUL DE INTERNE.
UNITATEA MILTARA Nr. 0672/8. T I M I S O A R A), an das Kreisinspektorat Karasch-Severin Reschitza.
Dienststelle I (INSPECTORATUL JUDETEAN CARAS-SEVERIN. RESITA - Serviciul I -) geschickte
und am 2.10.1973 dort unter 00140631 registrierte „Note – bezüglich der Spionageaufklärung gegen den
Genannten Sterbling Antoniu (Name handschriftlich) mit dem konspirativen Namen „Stoian“, durchgeführtim Zeitraum 22.-25.9.1973.“ (“N O T A – Privind filajul asupra numitului STERBLING ANTONIU cu
nume conspirativ „STOIAN“, efectuat pe perioda 22-25.09. 1973.“). Die Akte umfasst 6 Seiten und ist in
dem meine Person betreffenden Band des Nationalen Konzils für das Studium der Archive der Securitate
(Consiliul NaNional pentru Studierea Arhivelor SecuritaNii) mit der Seitenzählung 51 bis 56 aufbewahrt.
3 Marianne Sommer, nicht Mariane Somer, wie es in den Securitateakten zumeist irrtümlich heißt.
4 Dieser neue konspirative Namen ist – neben anderen Indizien, die meinen Akten zu entnehmen sind –, für
mich ein wichtiger Hinweis, dass auch im Kreis Temesch gegen mich Verfahren liefen, habe ich doch
meine literarischen Aktivitäten mit den ebenfalls intensiv beobachteten Freunde der „Aktionsgruppe Banat“
vorwiegend in diesem Kreis entfaltet. Siehe auch: Sterbling, Anton: Suchpfade und Wegspuren. Über
Identität und Wanderung. Banater Bibliothek Band 8, Mediengruppe Universal, München 2008, insb. S. 25
ff; Sterbling, Anton: „Am Anfang war das Gespräch“. Reflexionen und Beiträge zur „Aktionsgruppe Banat“
und andere literatur- und kunstbezogene Arbeiten, Krämer Verlag, Hamburg 2008.
5 Das eine Stück: „vielleicht schon general“ ist übrigens danach in der „Neuen Literatur“ erschienen. Siehe:
Sterbling, Anton: vielleicht schon general, in: Neue Literatur, 25. Jg., Heft 4, Bukarest 1974.
6 Die informellen Mitarbeiter der Securitate wurden immer wieder mit der Aufgabe betraut, über meine
Schreibtätigkeit und insbesondere über meine Theaterstücke zu berichten. So wurde zum Beispiel der Kollaborateur
„ Remus“, der in Reschitza übrigens am häufigsten über mich berichtete, beauftragt, mit mir weiter
ü ber die Theaterstücke und meine Veröffentlichungsabsichten zu sprechen. In der Informationsnote (NOTA
INFOMATIVA), zu einer Information der Quelle „Remus“ an Securitateleutnant Sfetcu Ion, am 19.02.1974, heißt
es: „Pflichten: Der Kollaborateur wurde instruiert, weiterhin mit dem Objekt über die Theaterstücke, die er schreibt und
die er zu veröffentlichen beabsichtigt, zu sprechen.“ („Sarcini: Colaboratorul a fost instruit de a discuta în continuare
cu obiectivul referitor la piesele de teatru pe care le scrie si pe care intenNioneaza sa le publice.“). In
dem meine Person betreffenden Band (Dosar) des Nationalen Konzils für das Studium der Archive der Securitate
(Consiliul naNional pentru Studierea Arhivelor SecuritaNii), vgl. S. 20.7 Eigene Übersetzung aus dem Rumänischen. Die Abschrift der rumänischen Fassung findet sich nachfolgend.
Es handelt sich um die Seite 5 der in der Fußnote 1 näher genannten, 6 Seiten umfassenden „Note“
vom 28.9.1973.
8 Kommentar: Wenn man schon so intensiv von der Securitate bewacht wird – haben wir uns gedacht – kann
man auch nach Mitternacht wohl ohne Furcht durch den Park gehen.
9 Kommentar: Wir haben mit dieser beobachtbaren Geldübergabe erkennen zu geben versucht, dass meinerseits
eigentlich keine Ausreiseabsicht besteht. Dies, damit kein vorzeitiger Zugriff erfolgt, also, nicht bevor
Marianne im Zug ist, zugegriffen wird. Ich habe mit einer solchen Festnahme durchaus gerechnet und wir
haben vereinbart, was Marianne in einem solchen Falle unternehmen soll. Daher war uns wichtig, dass
zumindest sie möglichst schnell wieder in den Westen gelangt.
10 Kommentar: Es war einer meiner traurigsten Spaziergänge an der Marosch, die sich ansonsten zumeist mit
schönen, unbeschwerten Erinnerungen verband und die mehrfach auch – insbesondere in Periamport – der
Ort denkwürdiger Begegnungen, sowohl der „Aktionsgruppe Banat“ wie auch dieser mit Beobachtern und
Informanten der Securitate war. An der Marosch in Periamosch ist auch das bekannte Gruppenbild „Der
„ Aktionsgruppe Banat“ steht das Wasser schon bis zum Hals“, mit den sechs aus dem Wasser gerade noch
herausragenden Köpfen, entstanden. Dieses Bild wurde 2008 übrigens bei der Ausstellung: „Am Anfang
war das Gespräch“ Der Literaturkreis „Aktionsgruppe Banat“, Rumänien 1972-75“, die von der Umweltbibliothek
Großhennersdorf e.V. mit Unterstützung der Sparkasse Oberlausitz-Niederschlesien vorbereitet
wurde, gezeigt. Und zwar vom 6. Mai bis 3. Juni 2008 in der Sparkassen-Filiale Zittau, sodann anlässlich
des 5. Sächsischen Mittel- und Osteuropatages ab dem 19. Juni 2008 an der Hochschule Zittau/Görlitz, auf
dem Campus in Görlitz, und schließlich anlässlich der 5. Sächsischen Literaturtage, im Sorbischen Theater,
Bautzen, ab dem 20. September 2008.


JOHANN LIPPET (nach oben)

Das Leben einer Akte
Chronologie einer Bespitzelung

Wunderhorn-Verlag, Heidelberg

ISBN: 10-3884233319 oder
ISBN: 13-9783884233313

LESEPROBE:

Bis November 1977 gibt es im Dossier keinen Beleg meine literarische Tätigkeit oder anderes betreffend. Am 11.11.1977 informiert
„ Mayer“ Oberstleutnant Padurariu über meine Lesung(35) im Literaturkreis„ Adam Müller-Guttenbrunn“ aus dem Manuskript des
Poems„ biographie. ein muster“.(36)

Vorausgreifend sei zu Informant „Mayer“ festgestellt: Er wird auch weiterhin Informationen über meine Lesungen im „Adam Müller- Guttenbrunn“ Literaturkreis liefern, er verfaßt aber seine Berichte,im Unterschied zu anderen Informanten, nicht selbst. Es sind Niederschriften von Oberstleutnant Padurariu anhand der Aussagen des Informanten „Mayer“, ein Vergleich der Handschrift dieser Mitteilungen mit Dienstanweisungen von Oberstleutnant Padurariu beweisen es: die Handschriften sind identisch. Die Mitteilung vom 11.11.1977 trägt die Kennziffer 12835 und ist die 102. Die Berichte ab 1980 von „Mayer“ in meinem Dossier haben die Kennziffer 26546, die Numerierung der gelieferten Beiträge beginnt neu, der letzte in meinem Dossier dokumentierte stammt vom 21.06.1986, ist als handschriftliche Kopie ausgewiesen, eine fortlaufende Nummer fehlt. Die vorletzte Mitteilung zu mir, 31.03.1984, hat die Nummer 134.

Zur Lesung. Die Quelle „Mayer“ macht darauf aufmerksam, daß in der Sitzung des Literaturkreises vom 11.11. laufenden Jahres Lippet Johann eine eigene Arbeit in der Form eines autobiographischen Romans vorstellte, heißt es eingangs im Bericht. Und weiter: In dieser Arbeit bezog sich Lippet auf die Verbringung der Bürger deutscher Nationalität zur Wiederaufbauarbeit in die UdSSR(37) und dann in den Baragan(38), wobei der erste Aspekt anhand von Daten, die er gesam-melt hat oder von älteren Leuten erfuhr, wiedergeben wird. Außerdem behandelte er die Zeitspanne der Kollektivierung im Banat in der Art und Weise, wie er sie damals sah. Die Arbeit von Lippet, fährt der Bericht fort, wurde von den Anwesenden sehr gelobt, einschließlich von
Berwanger Nikolaus, es wurde hervorgehoben, daß dergleichen bisher noch nicht publiziert wurde, nämlich von der Verbringung einiger Bürger zur Wiederaufbauarbeit in die UdSSR und dann in den Baragan. Berwanger Nikolaus versprach übrigens, daß der Roman sofort an einen Verlag geschickt werden wird, um ihn zu veröffentlichen.

Die Quelle, heißt es weiter, stellte in der Arbeit von Lippet keine weiteren tendenziösen oder interpretierbaren Aspekte fest, hält sie persönlich vom ästhetischen Gesichtspunkt für gelungen, meint aber, daß ihm das viele Lob der Diskussionsteilnehmer als übertrieben erscheint.

Zum Schluß macht der Informant darauf aufmerksam, daß in der nächsten Sitzung des Literaturkreises, am 18.11, Peter Riesz aus einem Theaterstück lesen wird, in der Sitzung vom 2.12. Totok William.

In der Bemerkung des Führungsoffiziers zum Bericht heißt es: Von Lippet weiß man, daß er zum näheren Umkreis von Totok W, Ortinau Gerhard, Wagner Richard und anderen mit feindseligen Einstellungen gehört.

Maßnahmen: Der Informant wurde instruiert, herauszufinden, welchen Inhalts die Arbeiten von Totok sind, sollten sich deswegen Probleme ergeben, ist darüber noch vor der Lesung im Literaturkreis Bericht zu erstatten. Außerdem wurde der Informant instruiert, welche Position er im Literaturkreis zu vertreten hat, sollten Personen unangemessene Probleme politischer und ideologischer Natur aufwerfen. Um Auskunft über die Arbeiten von Totok zu erhalten, wurde auch die Quelle „Nelu“ instruiert.

Die Aufgabe, herauszufinden, welchen Inhalt eine literarische Arbeit hat, erteilten die Führungsoffiziere ihren Informanten immer,
sie wollten aber auch in Erfahrung bringen, woran ein Autor arbeitet oder worüber er zu schreiben gedenkt. Es gab Tabuthemen, auf welche die Staats- und Parteiführung allergisch reagierte, und mit ihr die Securitate, das wußte man als Autor. Zu diesen Themen gehörten auch die Deportationen in die Sowjetunion und in denBaragan, obwohl sich die Parteiführung auf ihrer Landeskonferenz im Juli 1972 in zurückhaltender Form dazu zum ersten Mal geäußert hatte. Es seien in der Vergangenheit auch Fehler gemacht worden, hieß es damals.

Ein Dokument, Mitteilung betitelt, ist ein zusammenfassender Berichtü ber Autoren, von denen man weiß, daß sie über die Deportationen geschrieben haben oder zu schreiben gedenken. Aus ihm geht hervor, daß es in drei Exemplaren getippt wurde, das mir vorliegende ist ein Durchschlag, es trägt eine Registriernummer und das Datum 24.04.1978, ansonsten keine anderen Quellenangaben.

Wir sind darüber informiert, daß man im deutschsprachigen Literaturkreis„ Adam Müller-Guttenbrunn“ aus Temeswar in letzter Zeit das Verfassen und Lesen von literarischen Arbeiten fördert, welche die Verbringung der deutschen Bevölkerung zur Wiederaufbauarbeit in die UdSSR und in den Baragan zum Thema haben, heißt es eingangs. So verfaßte und las Nikolaus Berwanger im Jahr 1977 eine autobiographische Arbeit, in der es auch Hinweise auf die Zeit gibt, als ein Teil der deutschen Bevölkerung zur Wiederaufbauarbeit in die UdSSR und in den Baragan verbracht wurde(39).

Und weiter heißt es: Aus Anlaß der Hochzeit seiner Tochter im August 1977, zu der auch der deutschsprachige Autor Ludwig Schwarz eingeladen war und der gerade Geburtstag hatte, trat Nikolaus Berwanger ans Mikrofon, beglückwünschte ihn und sagte unter anderem: „Ein langes Leben, und daß es dir gelingt, den Roman über den Baragan zu schreiben.“ (Zitat im Original)

Berwanger Nikolaus bezog sich in einem Gespräch mit Mitgliedern des Literaturkreises auf die Notwendigkeit des Verfassens und Publizierens von Arbeiten zu diesen Themen und meinte, daß „die Verbringung vieler Bürger deutscher Nationalität zur Wiederaufbauarbeit in die UdSSR und dann in den Baragan das Leben der Deutschen aus Rumänien tief geprägt haben, das sind Probleme, die vom politischen und historischen Standpunkt als Fehlentscheidungen der damaligen Staatsführung angesehen werden, die in der Gegenwart von der Posi-tion eines engagierten Schriftstellers behandelt werden müssen und nicht nur in revanchistischen Werken aus dem Westen ihren Niederschlag finden dürfen.“ (Zitat im Original)

Mehrere deutschsprachige Autoren, die an diesem Literaturkreis teilnahmen, schlußfolgert der Bericht daraufhin, beschäftigen sich nun mit diesen Themen, einige von ihnen verfaßten dergleichen Arbeiten und lasen daraus, bekannt sind uns die folgenden:

- Lippet Johann, Lehrer an der Allgemeinschule Nr. 8, verfaßte eine solche Arbeit und las im Literaturkreis daraus vor, das autobiographische Werk bezog sich auf die Verbringung der deutschen Bevölkerung zur Wiederaufbauarbeit in die UdSSR.

- Samson Horst (40), Redakteur der „Neue Banater Zeitung“ verfaßte und las ein Gedicht, das sich auf den Baragan bezieht.

- Ludwig Schwarz (41) ebenfalls aus der Redaktion der „Neue Banater Zeitung“ ist dabei, einen Roman mit dem Titel „Dorf ohne Schatten“ zu schreiben, der verdeutlichen soll, daß durch die Verbringung in den Baragan die Menschen entwurzelt worden wären, dort nicht einmal Schatten hatten.

- Heinz Stefan (42), gewesener Schauspieler am Deutschen Theater, gegenwärtig Rentner, will ein dramatisches Werk in zwei Teilen verfassen, der erste soll die Verbringung einer Familie in einem Viehwaggon in die UdSSR zum Thema haben, der zweite die Rückkehr der Familie aus der UdSSR zum Wohnort. Stefan Heinz will dieses Stück dem Deutschen Theater vorlegen, wo es bis November laufenden Jahres aufgeführt werden soll.

Wir glauben, heißt es schlußfolgernd, daß das Verfassen, die Darbietung und die Veröffentlichung von Werken mit dieser Thematik in den Reihen der deutschen Bevölkerung, einschließlich der Jugend, zum Wiedererwachen von unangemessenen Gefühlen führt, und das um so mehr, da auch gegenwärtig von einigen Personen die Idee der Auswanderung vertreten wird, weil sie angeblich im Laufe der Jahre un-gerecht behandelt wurden und ihnen Schwierigkeiten durch die Verbringung in die UdSSR und in den Baragan entstanden sind. Wir schlagen vor, heißt es abschließend, mit Berwanger Nikolaus ein Gespräch zu führen, hinsichtlich der Absicht einiger Personen deutscher Nationalität, dergleichen Materialien zu veröffentlichen, mit dem Zweck einer Stellungnahme zu diesen Fällen.

Bis Dezember 1979 gibt es in der Akte keine Unterlagen über die Tätigkeit der Securitate zu meiner Person, doch es passierte einiges. Im Herbst 1978, beginnend mit der Spielzeit 1978/79, wurde ich Dramaturg am Deutschen Staatstheater Temeswar. Der Posten war vakant geworden, ein Wettbewerb wurde ausgeschrieben, es bewarben sich außer mir noch drei Kandidaten, ich wurde genommen. Drei Tage vor Weihnachten 1978 wurde ich vom Intendanten des Theaters verständigt, mich beim Kreisinspektorat Temesch des Innenministeriums einzufinden, man habe mit mir zu reden. Ich ging hin, war auf alles gefaßt, und wurde von Oberstleutnant Padurariu in einem fensterlosen Raum empfangen. Ohne Umschweife machte er mir den Vorschlag, als Informant für die Securitate zu arbeiten. Ich lehnte entschieden ab. Es kam zu keinem erneuten Anheuerungsversuch.

Das nächste Dokument im Dossier ist auf den 3.12.1979 datiert.
Die kurze Mittelung, getippte Abschrift, wurde Oberstleutnant Cristescu von Oberstleutnant Padurariu vorgelegt und enthält in Zusammenfassung die Informationen der Quelle „Sanda“.
Die Quelle berichtet, heißt es, daß D Totok, R Wagner, Herta Müller, Hans Lippet, Balthazar Waitz (so die Schreibweise der Namen im Original) mehrmals, in der Regel gemeinsam mit der Lektorin aus der Bundesrepublik, Dagmar Lehmann(43), gesehen wurden. Aus den Informationen (relativ akzeptabel) geht hervor, daß Genannte einem intimen Kreis angehören, „literarischer“ Natur. (Anführungszeichen im Original) Die Quelle, heißt es abschließend, fand noch keine Möglichkeit, Einzelheiten zu erfahren. Die beigefügten Bemerkungen und Maßnahmen, getippt, stammen von OberstleutnantPadurariu.Totok William und Wagner Richard, von uns aktiv bearbeitet, gehörten gemeinsam mit den anderen Genannten zu einem Literaturkreis mit feindseliger Einstellung.

Die Verbindungen zur westdeutschen Lektorin sind interessant und müssen verifiziert werden. Wir werden die Möglichkeit der Überprüfung der Information durch unsere Quelle „Luca“ in Erwägung ziehen.

Für das Jahr 1980 befindet sich in meinem Dossier ein einziges Dokument, die von Oberstleutnant Padurariu handschriftlich verfaßte Niederschrift der Mitteilung des Informanten „Mayer“ vom 22.11. 1980.

Die Quelle berichtet folgendes: Am 23. Oktober laufenden Jahres fand eine Arbeitssitzung des Literaturkreises „Adam Müller-Guttenbrunn“ statt, in der Lippet Johann eine Erzählung las, die William Totok gewidmet ist. Die Handlung der Erzählung spielt auf dem Land, es geht um den Besuch bei einem Freund (wahrscheinlich bei Totok). Richard Wagner äußerte sich dazu und meinte, daß die Erzählung ästhetischen Kriterien nicht standhält, weil sie nicht gut durchkomponiert ist.

Die weitere Meinung des Informanten interessierte den Führungsoffizier wohl nicht mehr, denn er setzt unter die Niederschrift Auslassungspunkte, darauf folgt seine Anmerkung: Totok William und Richard Wagner werden von uns als Informativer Vorgang bearbeitet, Lippet ist eine ihrer Verbindungen. Am 14.02.1981 tritt Informant „Barbu“ in meinem Dossier in Erscheinung, er berichtet unter der Signatur X-B/00(44) an Hauptmann Adamescu.

In Nummer 12 vom Dezember 1980 der Zeitschrift „Neue Literatur“, die von den Mitgliedern des Literaturkreises „Adam Müller-Guttenbrunn“ zusammengestellt wurde, befindet sich auf Seite 9 das folgende Gedicht von Johann Lippet.
Es folgt die Übersetzung meines Gedichtes „Versuch einer Diagnose“, zu dem der Informant abschließend meint: Meines Erachtens ist dies ein pessimistisches Gedicht, das die Aufstellung nicht hätte eröffnen dürfen (nach einer kurzen Studie von N Berwanger zur deutschen Literatur des Banats).Die letzten drei Zeilen der Übersetzung sind unterstrichen, wahrscheinlich
von Hauptmann Adamescu. Hier das Gedicht im Original.

Neue Literatur 12/1980
Versuch einer Diagnose
I.
die antworten werden immer unsicherer
heute hat es sich ausgeschneit
meine gefühle werden unbeständiger
und meine ungeduld hat zugenommen
ich warte morgens nicht mehr in den haltestellen
auch meine gedichte
wachsen über ein paar zeilen nicht mehr hinaus
II.
die gespräche mit den freunden
sind immer schwieriger in gang zu setzten
zu viel nachdenken liegt in jedem satz
zum verzweifeln
braucht man weniger zeit als zur ahnung der freude
hier irgendwo
liegt unser schweigen begraben(45)

Für die nächsten zwölf Monate befindet sich kein Dokument in meinem Dossier, obwohl das Folgende als Vorstufe zur Eröffnung
des Informativen Vorgangs gewertet werden muß.

Fußnoten:

(35) Nach jahrelangem Dissens mit der Leitung lasen nun auch ehemalige Mitglieder der „Aktionsgruppe Banat“ im Literaturkreis.
(36) „biographie. ein muster“, erschien 1980 im Kriterion Verlag Bukarest, 1983 in rumänischer Übersetzung im Verlag Cartea Româneasca.
(37) Bis im August 1944 war Rumänien Verbündeter Hitlerdeutschlands, in Folge des Frontwechsels wurden im Januar 1945 die arbeitsfähigen Deutschen aus Rumänien, Frauen im Alter von 18-30, Männer im Alter von 17-45, ungefähr 75.000 Personen, zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert, wobei die Altersbegrenzung nicht immer eingehalten wurde, der Anteil der Frauen unter den Deportierten machte über 53 % aus. Viele starben bereits während des wochenlangen Transports in den Viehwaggons, die unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen in den Lagern überlebten ungefähr 12 % der Deportierten nicht, die höchste Todesrate war in den beiden ersten Jahren zu verzeichnen, die letzten Deportierten kehrten 1949 nach Rumänien zurück. 1947, teilweise noch 1948, gingen die Krankentransporte aber in die Sowjetische Besatzungszone Deutschlands (SBZ),
ein Großteil der hier Gelandeten flüchtete über Bayern, Österreich und Ungarn zurück nach Rumänien. Meiner Mutter, die als Siebzehnjährige deportiert wurde, gelang 1948 die Flucht aus der SBZ, sie kam bis Österreich, lernte hier meinen Vater
kennen, der aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden war. Die in Österreich gegründete Familie kehrte 1956 nach Rumänien zurück.
(38) Im Juni 1951 wurden entlang eines 35 Kilometer breiten Grenzstreifens zu Jugoslawien sogenannte „unzuverlässige Elemente“, etwa 40.000 Personen, Rumänen, Deutsche, Serben, Bulgaren, in die Baragan- Steppe zwangsumgesiedelt,
darunter etwa 10.000 Deutsche. Nach fünf Jahren wurde die Zwangsumsiedlung aufgehoben, der Großteil der 18 neu gegründeten Dörfer wurde der Wüstung überlassen.
(39) Sowohl in der Mitteilung des Informanten „Mayer“ als auch in diesem Bericht wird der Begriff Deportation nicht verwendet, sondern der Euphemismus Verbringung, wie es die offizielle Sprachregelung vorsah.
(40) Wurde während des Zwangsaufenthalts seiner Eltern dort geboren.
(41) Ludwig Schwarz (1925-1981), Publizist und Schriftsteller. Den Roman „Dorf ohne Schatten“ schrieb er nie, in seinem Nachlaß fand sich ein Heft, in dem allein der Titel erwähnt wird.
(42) Bekannt als Hans Kehrer, Gründungsmitglied des Deutsches Staatstheaters Temeswar, für das er mehrere Stücke verfaßte. Die Mitteilung bezieht sich auf das Stück „Viehwaggon 21“, das nicht zur Aufführung kam.
(43) DAAD- Gastlektorin an der Universität Temeswar.
(44) Was X-B bedeutet, konnte ich nicht in Erfahrung bringen.
(45) Das Gedicht erschien auch in meinem Gedichtband „so wars im mai so ist es“,
Kriterion Verlag, Bukarest 1984, und eröffnet in einer überarbeiteten Fassung meinen
Gedichtband „Abschied, Laut und Wahrnehmung“, Wunderhorn Verlag, Heidelberg
1994.
(46) Erster Sekretär des Munizipalparteikomitees und Bürgermeister von Temeswar.


GEORG HERBSTRITT (nach oben)

Doppelt überwacht
Temeswarer Schriftsteller 1982 in den Akten der Stasi und der Securitate
(1)

Im Herbst 1975 zerschlug die rumänische Geheimpolizei Securitate die „Aktionsgruppe Banat“, in der sich junge deutschsprachige Schriftsteller zusammengefunden hatten. Sie hatten neue Formen der Literatur ausprobiert und von einem mehr oder weniger marxistischen Standpunkt aus sowohl die Traditionen ihrer rumäniendeutschen Landsleute als auch die Repressionen der sozialistischen Staatsmacht kritisiert(2). Dieser Dissidentenkreis fand sich ab 1976, und personell erweitert, in dem schon länger in Temeswar (Timisoara) bestehenden Literaturkreis „Adam Müller-Guttenbrunn“ erneut zusammen. Und wie selbstverständlich wurde er ebenfalls von der Securitate überwacht.

1982 spitzte sich die Situation wieder zu. Der Literaturkreis „Adam Müller-Guttenbrunn“(3) kündigte am 10. Februar 1982 in der überregionalen deutschsprachigen Tageszeitung Rumäniens, dem „Neuen Weg“, seine nächste Veranstaltung an:

"Sitzung des Literaturkreises
wj. Temeswar. – Auf der nächsten Sitzung des Literaturkreises „Adam Müller-Guttenbrunn“ in Temeswar wird Richard Wagner neue Gedichte lesen. Im zweiten Teil der am Donnerstag um 17 Uhr beim Sitz der Schriftstellervereinigung stattfindenden Zusammenkunft werden Lieder von Wolf Biermann zu Gehör gebracht."
(4)

Diese Meldung veranlasste höchst wahrscheinlich die DDR-Botschaft in Bukarest, beim rumänischen Außenministerium zu protestieren. Aus DDR-Perspektive musste es in der Tat als Provokation erscheinen, in einem „sozialistischen Bruderland“ Lieder des prominentesten DDR-Dissidenten, Wolf Biermann, öffentlich vorzuspielen, und dies trotz der allgemeinen Pressezensur auch noch in der Zeitung anzukündigen. Tatsächlich traf sich der Literaturkreis am 11. Februar zu seiner Sitzung. Doch zuvor war der Schriftsteller und Redakteur Horst Samson, der den Biermann-Liederabend initiiert hatte, vom regionalen Kreisparteikomitee nachdrücklich aufgefordert worden, sein Vorhaben nicht umzusetzen. Wie sich Horst Samson erinnert, wurden die Biermann-Lieder deshalb erst nach der Sitzung in einem kleineren Kreis in seiner Wohnung abgespielt.(5)

Auf den ersten Blick erscheint es mutig, dass der Biermann-Liederabend in der Zeitung angekündigt wurde. Doch Horst Samson wollte in dieser Zeitungsmeldung den Namen Biermanns überhaupt nicht erwähnt haben. Er hatte den zuständigen Redakteur des „Neuen Wegs“ vielmehr sehr deutlich gebeten, den Namen nicht zu nennen, um möglichen Ärger zu vermeiden.(6) Ob es nur die Gedankenlosigkeit des Redakteurs war, dass es anders kam, oder ob hier vorsätzlich ein Anlass geschaffen wurde, um den Literaturkreis angreifbar zu machen, muss vorerst offen bleiben.

Links - die Verleihung des AMG-Literaturpreises, Dankesrede Horst Samson

V.l.n.r.: Eduard Schneider, Helmuth Frauendorfer, Franz Binder, William Totok, Horst Samson, Richard Wagner, Nikolaus Berwanger.

Quelle: Archiv Horst Samson

Drei Monate später ging die Securitate direkt gegen Horst Samson und seinen Kollegen William Totok vor. Am 14. Mai 1982 führte sie bei beiden Haussuchungen durch. Die Securisten begründeten ihr Vorgehen mit dem Protest der DDR-Botschaft gegen den Biermann-Liederabend. Dabei handelte es sich jedoch nur um einen Vorwand, denn dieser Vorfall lag inzwischen drei Monate zurück. In Wirklichkeit wollte die Securitate die Gedächtnisprotokolle von William Totok beschlagnahmen, in denen er die Erinnerungen an seine Haftzeit 1975/76 niedergeschrieben hatte. Totok war Mitglied der „Aktionsgruppe Banat“ gewesen und hatte nach deren Zerschlagung neun Monate in Untersuchungshaft gesessen.(7) Die Securitate hatte von ihrem Informanten „Voicu“ erfahren, dass William Totok seine Gedächtnisprotokolle an Horst Samson gegeben hatte. Um ihren Informanten zu schützen, behauptete die Securitate unzutreffender Weise, sie sei auf Initiative der DDR-Botschaft tätig geworden. Zum Schein beschlagnahmte sie bei Horst Samson tatsächlich die Tonbänder mit den Biermann-Liedern, und wie zufällig „entdeckte“ sie bei ihm dann noch William Totoks Aufzeichnungen, die sie ebenfalls mitnahm. Horst Samson und William Totok wurden in den folgenden Wochen mehrfach bei der Securitate verhört, eine längere Haft blieb ihnen aber erspart. In den Folgejahren verstärkte die Securitate den Druck auf die unbotmäßigen Schriftsteller, bis sie schließlich im Frühjahr 1987 das Land verließen und in die Bundesrepublik übersiedelten. Der damals einflussreichste politische Vertreter der deutschen Minderheit im Banat, der Schriftsteller und Journalist Nikolaus Berwanger, war bereits im Herbst 1984 in den Westen gegangen. Ihm war es bis dahin immer wieder gelungen, die jüngere Schriftstellergeneration vor staatlichen Repressionen zu schützen oder diese zumindest abzumildern.(8)

Kurz nach diesen beiden Vorfällen im Frühjahr 1982 reiste ein inoffizieller Mitarbeiter (IM) der DDR-Geheimpolizei, des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS, „Stasi“) nach Rumänien und besuchte Anfang Juni 1982 auch Temeswar. IM „Buche“ war als Schriftsteller unbedeutend, spielte aber als Funktionär im DDR-Schriftstellerverband eine Rolle. Aus Sicht des MfS hatte er sich vor allem 1976 bewährt, als Wolf Biermann aus der DDR ausgebürgert wurde und etliche prominente DDR-Schriftsteller heftig dagegen protestierten. „Buche“ setzte auch in dieser Phase zuverlässig die Linie des MfS durch und half tatkräftig mit, gegen kritische Schriftsteller wie Reiner Kunze vorzugehen.(9)

Nachdem „Buche“ von seiner Rumänienreise zurückgekehrt war, erstattete er seinem Führungsoffizier Peter Trost ausführlich Bericht über die Vorfälle in Temeswar und darüber hinaus. Trost fertigte daraus eine Information, die untenstehend auszugsweise wiedergegeben wird. Darin werden die beiden Vorfälle vom Februar und Mai 1982 irrtümlich als ein zusammenhängender Vorgang geschildert. Entscheidend ist aber das Gesamtbild: „Buche“ stellte die Situation in Rumänien aus der Sicht des strengen, disziplinierten SED-Genossen dar, erzählte von einer selbstbewussten und eigenständigen Literaturszene in Temeswar und berichtete über geistige und ideologische Freiräume, die mit der offiziellen politischen Linie in der DDR nicht zu vereinbaren waren. Rumänien musste aus dieser Perspektive als ein Tollhaus erscheinen, in dem unhaltbare Zustände herrschten.

„Buche“ schilderte dem MfS unter anderem ausführlich eine kontroverse Diskussion, die er in einem kleinen Kreis mit Horst Samson führte. Sie diente ihm als ein Beispiel für die Gesinnung vieler rumäniendeutscher Schriftsteller. In diesem Kreis war „Buche“ jedoch nicht der einzige Informant. Die Securitate war mit ihrer Quelle „Voicu“ ebenfalls vertreten. „Voicu“ gehörte dem Literaturkreis Adam Müller-Guttenbrunn an und war als Redakteur der lokalen deutschsprachigen Tagezeitung, der „Neuen Banater Zeitung“, auch ein Arbeitskollege Horst Samsons. „Voicus“ Bericht ist auf den folgenden Seiten vollständig abgedruckt. Die Berichte beider Informanten sind stellenweise fast gleichlautend, an anderen Stellen widmen sie sich hingegen je eigenen Themen. Während „Buche“ eher die Freiräume hervorhebt, steht in „Voicus“ Bericht der Druck, dem die rumäniendeutschen Schriftsteller ausgesetzt waren, deutlicher im Vordergrund. Insofern unterscheidet sich die Wahrnehmung der beiden Informanten, die vom geheimdienstlichen Hintergrund des jeweils anderen nichts wussten.

Der wesentliche Unterschied bestand aber darin, wie die beiden Geheimpolizeien die jeweilige Information weiterverarbeiteten. „Buches“ Bericht wurde an die MfS-Zentrale nach Ost-Berlin weitergeleitet, um dort ausgewertet zu werden(10). Das MfS war an derartigen Meldungen interessiert, weil Rumänien bereits seit den sechziger Jahren als unzuverlässiger Verbündeter galt. Die Zusammenarbeit zwischen MfS und Securitate war im Laufe der sechziger Jahre weitgehend eingestellt worden, Rumänien war aus Sicht des MfS ein „Operationsgebiet“(11). Ein Informationsaustausch zwischen beiden Geheimpolizeien fand nicht statt; auch die Informationen von „Buche“ und „Voicu“ wurden nie zusammengeführt. Berichte wie die von „Buche“ dienten dem MfS also dazu, die Situation in Rumänien einzuschätzen.

„ Voicus“ Meldung wurde vom zuständigen Securitate-Offizier hingegen unter dem Aspekt ausgewertet, welche Maßnahmen als nächstes eingeleitet werden sollten. Die entsprechenden Vorschläge des Führungsoffiziers finden sich direkt unter dem Bericht von „Voicu“. Die Informationen von „Voicu“ bildeten also die Grundlage für konkrete Repressionen gegen Horst Samson. Der zuständige Vorgesetzte des Securitate-Führungsoffiziers notierte als Fazit und Anweisung mit Rotstift auf der ersten Seite des „Voicu“-Berichts: „Samson ist ein feindliches Element. Er soll mit allen Mitteln bearbeitet werden, über die wir verfügen.“
Auch wenn die beiden Informanten über den gleichen Sachverhalt und die gleichen Personen berichteten, so unterschieden sich ihre Meldungen nicht nur hinsichtlich ihrer Wahrnehmung, sondern auch hinsichtlich der daraus resultierenden Konsequenzen.

* * *


STASI-BERICHT:


Abteilung XX/7(12)
Gera, 12. Juli 1982

Information Nr. 211/82

Inoffizielle Information über einen Aufenthalt in Rumänien

Der IM hielt sich von Ende Mai bis Mitte Juni 1982 in Rumänien auf. Er hatte Gelegenheit, eine Reihe von Gesprächen zu führen. Im folgenden eine Einschätzung zu den Gesprächspartnern: [...](13)

Einschätzung/Bemerkungen zur Zeitschrift „Neue Literatur“

Da Genosse Stoffel von literarischen Dingen nicht viel versteht, ist Arnold der für den Inhalt verantwortliche Leiter. Beim Blättern in einigen Zeitschriften fiel mir auf, dass es offensichtlich einen Hang für die Außenseiter in der DDR-Literatur gibt: Uwe Kolbe beispielsweise. Auf eine diesbezügliche Frage sagt Hauser, er habe auch von Lutz Rathenow Gedichte abgedruckt.

Im Kulturspiegel der Zeitschrift wird über den Tod von Künstlern, über Preisverleihung und anderes berichtet. Man liest alle möglichen unbedeutenden Namen. Den Namen Konrad Wolfs suchte man vergeblich. Die Zeitschrift „Neue Literatur“ hat die Auflage bekommen, bis Ende dieses Jahres Rentabilität nachzuweisen, ansonsten wird sie aufgelöst.

Mitarbeiter der Zeitschrift halten diesen Auftrag für unerfüllbar, da es aus Gründen der Papiereinsparung auch nicht gestattet ist, die Anzahl der Abonnenten zu erhöhen. Man ist der Meinung, dass die deutsche Minderheit damit weiter zurückgedrängt werden soll.

Gespräch im Literaturkreis Adam Müller-Guttenbrunn in Timisoara

Einschätzung Nikolaus Berwanger

[...] Nikolaus Berwanger ist Mitglied des Kreiskomitees der Partei in Timisoara, wohl sogar Mitglied des Sekretariats, Chefredakteur der deutschsprachigen „Neuen Banater Zeitung“, Sekretär des rumänischen Schriftstellerverbandes, Stellvertretender Vorsitzender des Volksrates für die deutsche Bevölkerung in Rumänien, ein sehr einflussreicher Mann!

Er war höflich, zeigte aber sehr bewusst seine distanzierte Haltung gegenüber der Sowjetunion und der DDR. [...] Zu seinem Verhältnis zur DDR sagte Berwanger: Mitarbeiter der DDR-Botschaft hätten ihm vorgeworfen, er unternähme zahlreiche Reisen nach Österreich und in die BRD, in die DDR käme er nicht.
Er hätte es satt, immer wieder zu erklären, wie das mit den Rumäniendeutschen und der DDR sei. Die DDR-Botschaft kümmere sich nicht um die Rumäniendeutschen, behaupte aber, der Timisoarer Literaturkreis sei westlich orientiert. Das sei Unsinn. Sie, die rumäniendeutschen Schriftsteller, bemühen sich, weder ein Anhängsel der DDR-Literatur, noch ein Anhängsel der BRD-Literatur zu sein. Sie verstünden sich als eigenständige, unabhängige rumäniendeutsche Literatur. Sicher habe das, was hier in deutscher Sprache geschrieben wird, ziemliches Gewicht. Vielleicht nicht gleich, später ganz bestimmt. [...]

Nikolaus Berwanger ist Mitglied der Internationalen Lenau-Gesellschaft Stockerau (Österreich), des Josef-Reichl-Bundes in Güssing (Österreich) und hat zahlreiche andere Verbindungen.

Einschätzung des Samson, Horst

H. Samson ist Dichter und Kulturredakteur in der „Neuen Banater Zeitung“. Er präsentiert die Durchschnittsmeinung des dortigen Literaturkreises. Er ist ein trotziger, junger Mann, sehr von sich überzeugt. Mir scheint, dass die Grundlage dafür unsichtbare Förderer sind.

An der Begegnung bei H. Samson nahmen etwa 7 Personen teil, Bekannte von Samson. Das Gespräch war sehr aufschlussreich, gab es doch einen Einblick in die Haltung zur DDR und unserer Literatur.

In dem Versuch der Gesprächswiedergabe werden die ideologischen Positionen von Samson und Berwanger sichtbar.

Es hatte sich im April oder Anfang Mai folgendes zugetragen:
In der deutschsprachigen Zeitung „Neuer Weg“, die in ganz Rumänien vertrieben wird, wurde eine Veranstaltung des Timisoarer Literaturkreises angekündigt, auf der Schallplatten mit Liedern von Wolfgang Biermann abgespielt würden. Dazu wurde eingeladen, als Verantwortlicher für die Veranstaltung war Horst Samson angegeben. Am Tag vor der Veranstaltung sei die rumänische Staatssicherheit in Samsons Wohnung erschienen und habe Haussuchung gemacht. Es wurde ein Manuskript gefunden, das man Horst Samson mitgegeben habe, er solle es seinem Kollegen Totok geben. Es stellte sich heraus, dass es Texte von Totok waren, die gegen Ceausescu gerichtet waren. Samson wurde mitgenommen und verhört. Hätte sich ergeben, dass er vom Inhalt des Manuskriptes Kenntnis besaß, wäre Totok für 10 bis 15 Jahre ins Gefängnis gekommen.

Im abendlichen Gespräch wurde der Sachverhalt von Horst Samson so dargstellt.
Ohne Rücksprache mit dem Kulturattaché der DDR-Botschaft , Gen. [...] Rieger, wird als erwiesen angesehen, dass die DDR-Botschaft auf Grund der Ankündigung im „Neuen Weg“ die rumänische Staatssicherheit veranlasst habe, den Biermann-Abend zu verhindern und Untersuchungen in dieser Sache zu betreiben. Das aber sei eine grobe Einmischung in innere Angelegenheiten Rumäniens. Die DDR-Botschaft betreibe Kulturspionage und deshalb habe Berwanger recht getan, als er den Kulturattaché [...], der sich zu einem Gespräch angemeldet hatte, nicht empfing.

Im Gespräch über DDR-Literatur wurden folgende Positionen deutlich:
Samson, Horst fragte, ob DDR-Literatur überhaupt noch existiere, da doch die besten Leute davonliefen: Kunert, Sarah Kirsch, Jurek Becker. Dies sei ein unersetzbarer Verlust. Joachim Novotny wird in das Gespräch gebracht, Reaktion: Der? Das sei doch wirklich kein Beleg für Literatur. Samson hat von Novotny keine Zeile gelesen.

Der DDR-Gastlektor [xxx] habe in einem Vortrag Eva Strittmatter als bedeutende DDR-Lyrikerin bezeichnet, das sei doch unter dem Strich, erklärte Samson.

Als in abfälliger Weise von ihr gesprochen wird, wird ihm zu verstehen gegeben, dass es sinnlos ist, mit ihm zu streiten, da er sich selbst für den einzig gültigen Maßstab für Lyrik hält. Er sei offensichtlich der Nabel dieser Welt. Das hält ihn nicht davon ab, uns vorzuwerfen, wir würden große Dichter unterdrücken. Hier ginge er nicht nach eigenem Maßstab, sondern wer von Fühmann als großer Dichter anerkannt würde, der sei wirklich groß: Lutz Rathenow!

Auf das Verlangen, er möge einen Band/Buch von Rathenow nennen, der als Nachweis dieser Größe gelten kann, bringt er eine westdeutsche Anthologie, dort sind zwei Gedichte von Rathenow abgedruckt.

Ob ihm das als Nachweis für dichterische Größe genüge, wird gefragt. Antwort: Ihm genüge schon ein Gedicht: Es wird ihn auf den Kopf zugesagt: „Du hast die Nachricht von irgendwo bekommen, dass Rathenow ein paar Tage verhaftet war. Das ist für dich Beweis genug, für dichterische Größe.“ - keine Reaktion.

Samson war im vergangenen Jahr (1981) in der DDR. Mit dem deutschen Staatstheater. Er hat keine gute Meinung über uns. Er sagt: „Hätte man vor vier Jahren die Rumäniendeutschen befragt, ob sie in die DDR ausreisen wollen, hätten 80 % zugestimmt. Heute keiner mehr, weil es in der DDR abwärts geht.“ [...]

operativer Mitarbeiter

[gez.] Trost
Hauptmann


* * *


SECURITATE-BERICHT:


Samson ist ein feindliches Element. Er soll mit allen Mitteln bearbeitet werden, über die wir verfügen(14).

Notiz

Im Zusammenhang mit Samson Horst informiert die Quelle:

Am 7. Juni ’82 kam Erich Kriemer, ein Schriftsteller aus der DDR, der Rumänien besucht, zur Quelle und teilte mit, „heute war ich in der NBZ(15) -Redaktion und habe dort Samson getroffen, der mich zu sich nach Hause eingeladen hat, folglich gehen wir heute Abend zu ihm.“

Bei Samson Horst auf der Calea Aradului waren anwesend Samson Horst - Samson Edda (seine Frau), Erich Kriemer, Mark Hilde (Kriemers Übersetzerin aus Bukarest, von der Neuen Literatur), Josef Reisenauer (Redakteur NBZ), seine Freundin, eine Lehrerin aus Lenauheim (die Quelle hat deren Namen nicht behalten), Helga Schleich und die Quelle.

Gleich nachdem sie angekommen waren, hat Samson Kriemer gefragt: „Herr Kriemer, wie ist es möglich, dass die DDR ihre wertvollsten Schriftsteller ins Exil in die BRD schickt?“

Kriemer: „Ich kann diesen Sachverhalt nicht so beurteilen, in meinem Land leben noch sehr viele Schriftsteller und wertvolle Dichter, aber es scheint, dass bei euch hier nur jene angesehen sind, die Skandal und Wirbel machen. Sie sollen wissen, lieber Samson, mir gefallen solche Schriftsteller nicht, die nicht aufgrund ihrer Werke, sondern wegen des Skandals wichtig werden.“

Samson: „Es scheint, dass unser Geheimdienst sich jetzt nach euch richtet. Bei mir haben sie eine Hausdurchsuchung gemacht, und wäre nicht Berwanger gewesen, dann glaube ich, würde ich jetzt im Knast sitzen. Man sprach geradezu von 15 bis 20 Jahren Gefängnis. Uns schicken sie nicht in die BRD, uns sperren sie ein. Gut, dass Berwanger uns da rausgehauen hat!“

Es kam im Gespräch auch die Rede auf die Zeitschrift „Neue Literatur“:

Samson: „Es geht das Gerücht um, dass die NL verschwinden wird. Dann haben wir, die deutschen Schriftsteller aus Rumänien, wirklich nichts mehr hier zu suchen. Es ist wahr, dass die Führung dieser Zeitschrift sehr schwach ist, sie müsste gewechselt werden. Auf jeden Fall, wenn die Zeitschrift aufgegeben wird, werden wir einen gemeinsamen Appell an Ceausescu verfassen, ich bin sicher, es werden mindestens 25 Unterzeichner. Im Grunde genommen werden wir doch nicht immer mit allen Dummheiten einverstanden sein, die oben begangen werden.“

Über die NBZ sagte Samson:

„Es ist im Grund genommen eine sehr schwache Zeitung, aber der kulturelle Teil ist sehr gut, weil engagierte, kritische Texte veröffentlicht werden. Das ist das Verdienst von Berwanger, der sich einfach nicht von den Neostalinisten beeinflussen lässt. Berwanger hat keine Angst, vermutlich hat er gute Beziehungen auch nach oben, aber auch in den Westen, die – falls ihm etwas passieren würde – ihm sofort zur Hilfe springen würden, und ich glaube nicht, dass das Regime Ceausescu daran interessiert ist, dass im Westen ein Artikel über die Unterdrückung der Intellektuellen in Rumänien erscheint.“

Die Quelle hebt hervor, Samson habe alle diese Einschätzungen von sich gegeben, ohne dass ihn jemand danach gefragt hätte, oder ohne dass jemand zuvor seine Meinung dazu gesagt hätte. Er redete ununterbrochen, lobte sich dauernd. Zur Quelle sagte er:

„Schau sie Dir doch an, diese Schultheiße, die einen Fußtritt in den Hintern bekommen haben (die Rede ist von den Lehrkräften, die entlassen wurden). Sie sind eine Herde von Schafen, mit denen man alles machen kann, was man will. Es sind Arschlöcher, Angsthasen. Die einzigen, die kämpfen, das sind wir Schriftsteller.“

Auch von dem „Transzendentalen Vorfall“(16) war die Rede:

Samson: „Man sucht Lückenbüßer für die elende Lage, in der wir uns befinden. So haben die Sekuristen die Transzendentalen entdeckt.“

Sehr viel wurde über Literatur diskutiert, vor allem über theoretische Fragen, über Poesie und Prosa. Kriemer erzählte viel über DDR-Literatur, über ihre Züge und künstlerische Bedeutung. Um Mitternacht ging die Quelle nach Hause, aber Kriemer und die Übersetzerin sind zusammen mit den anderen noch bei Familie Samson geblieben.

Temeswar, 11.06.82 Voicu

___________________


BEOBACHTUNGEN

- der fremde Staatsbürger wurde uns noch nicht als auffällig gemeldet
- Horst Samson wird bearbeitet und ist bekannt für seine feindselige Einstellung
- die anderen Personen sind uns nicht als auffällig gemeldet

AUFGABEN

- mit Samson Horst diskutieren, um festzustellen, was für Angaben er zu dem von uns beschlagnahmten Material sowie über die Maßnahmen gegen Totok Wiliam macht

- feststellen, ob Samson noch andere feindliche Briefe oder Übersetzungen besitzt und was er mit ihnen vorhat

MASSNAHMEN

Diese Notiz wird der Führung vorgelegt.

[gez.] Oberstleutnant Paduraru [und ein zweiter Securitate-Mitarbeiter]

Fußnoten:

(1) Dieser Beitrag erschien zuerst in der Berliner Zeitschrift „Horch und Guck“ 17(2008)4 (= Heft 62), S. 50-53, und wurde uns für den „Kulturraum Banat“ vom Autor freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Siehe auch: http://www.horch-und-guck.info/hug.
(2) Ernest Wichner (Hg.), Ein Pronomen ist verhaftet worden. Texte der Aktionsgruppe Banat. Frankfurt/M. 1992.
(3) Adam Müller-Guttenbrunn (1852-1923), aus dem Banat stammender Schriftsteller, prägte mit seinen Heimatromanen nachhaltig das Geschichtsbild und die Identität der „Banater Schwaben“.
(4) „Neuer Weg“, 10.2.1982, S. 4. In der „Neuen Banater Zeitung“, der lokalen deutschsprachigen Tageszeitung in Temeswar, war keine derartige Ankündigung erschienen.
(5) Mitteilung Horst Samsons an den Verfasser vom 11.6.2008. Davon abweichend erinnert sich Samsons Kollege Totok dahingehend, dass die Biermann-Lieder noch während der Sitzung abgespielt wurden; siehe William Totok, Die Zwänge der Erinnerung. Aufzeichnungen aus Rumänien. Hamburg 1988, S. 142. In welcher Form die DDR-Botschaft damals tatsächlich aktiv wurde, ist noch nicht feststellbar, da die Akten aus dem Bereich des DDR-Außenministeriums einer dreißigjährigen Sperrfrist unterliegen. Derartige Interventionen waren aber durchaus üblich.
(6) Mitteilung Horst Samsons (wie Anm. 5).

(7) Totok, Die Zwänge der Erinnerung (wie Anm. 5), S. 61-122; Totok beschreibt darin auch ausführlich die „Aktionsgruppe Banat“ und den Literaturkreis „Adam Müller-Guttenbrunn“.
(8) Vgl. Anm. 6 und 7 sowie www.horstsamson.de.
(9) MfS, BV Gera, Abt. XX/7, 15.12.1980: Auskunftsbericht zu IME „Buche“; BStU, MfS, BV Gera, X/872/80.
(10) Anschreiben der MfS-Bezirksverwaltung Gera, Abteilung XX, an die MfS-Hauptabteilung XX vom 16.7.1982; BStU, MfS, HA XX/AKG, 869, Bl. 87.
(11) Vgl. hierzu Georg Herbstritt, Ein feindliches Bruderland: Rumänien im Blick der DDR-Staatssicherheit. In: Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik 16(2004)1, S. 5-13.
(12) Editorischer Hinweis: Das Dokument wurde an die neue Rechtschreibung angepasst, Schreibfehler wurden berichtigt; Hervorhebungen von Personennamen des Originals wurden nicht übernommen. Auslassungen sind durch [...] kenntlich gemacht, Anonymisierungen durch [xxx]. Das vollständige Dokument wurde in der „Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik“ 17(2005)2, S. 118-123 veröffentlicht. Die damals vom Autor verfasste Einleitung (ebenda, S. 114-117) kann nun präzisiert werden. Das Dokument endet mit folgender Bemerkung des Führungsoffiziers: „Die vorliegenden Informationen wurden von einer ehrlichen und überprüften Quelle erarbeitet. Da die Quelle zu diesem Zeitpunkt offensichtlich allein in Rumänien weilte, bitten wir bei der Auswertung der vorliegenden Information um Quellenschutz.“ Der IM „Buche“ wird im Dokument nicht explizit erwähnt; seine Urheberschaft ist im Vergleich dieses Dokuments mit dem des nachfolgend abgedruckten Berichts von „Voicu“ jedoch plausibel. Nach dem in Anm. 9 genannten Auskunftsbericht wurde der Geraer Schriftsteller Erich Kriemer vom MfS als IM „Buche“ geführt. Weitere Hinweise fehlen, insbesondere wurde die eigentliche IM-Akte vermutlich 1989/90 vernichtet. Das Original des hier abgedruckten Dokuments hat in der Stasi-Unterlagen-Behörde die Signatur BStU, MfS, HA XX/AKG 869, Bl. 88-95.
(13) Es folgen Einschätzungen u.a. über den Chefredakteur der „Neuen Literatur“, Emmerich Stoffel, und seinen Stellvertreter Arnold Hauser.
(14) Editorischer Hinweis: Die Übersetzung des rumänischen Originals fertigte Horst Samson an, dem ich hierfür herzlich danke. Es befindet sich im Archiv der Bukarester Securitate-Unterlagen-Behörde unter der Signatur ACNSAS, Dosar Nr. 4433, Vol. Nr. i 184942, betr. „Sandu“, S. 121-123. Im handschriftlichen Original befinden sich zahlreiche Unterstreichungen. Obenstehend werden nur jene Textstellen unterstrichen, die im Original doppelt hervorgehoben wurden. Die einleitenden Sätze über Samson als „feindliches Element“ wurden von einem höheren Securitate-Offizier nachträglich als Fazit und Anweisung geschrieben. Der Informationsbericht selbst hat wiederum eine andere Handschrift als die nachfolgenden „Beobachtungen...“.
(15) NBZ: „Neue Banater Zeitung“, deutschsprachige Tageszeitung in Temeswar.
(16) In Rumänien wurde transzendentale Meditation damals als staatsfeindlich eingestuft und verfolgt. Siehe hierzu: Gabriel Andreescu, Reprimarea miscarii yoga în anii 80. Iasi 2008.


WILLIAM TOTOK (nach oben)

03.10.2009
Erste Begegnung mit der Securitate

Rückblende 1970

In meinem Buch „Die Zwänge der Erinnerung. Aufzeichnungen aus Rumänien", Junius Verlag, Hamburg 1988, versuchte ich aus der Perspektive eigener Erfahrungen mit dem Securitateapparat die mich betreffenden Ereignisse aus der Zeit von 1970 bis 1987 zu beschreiben. Teils stützte ich mich auf eigene Erinnerungen, teils auf Dokumente, die sich in meinem Besitz befanden.

Kurz nach meiner Entlassung aus der Haft, machte ich bereits 1976-77 erste Notizen, dann folgten Gedächtnisprotokolle und schließlich der Entwurf zu einer Schrift, der ich den Arbeitstitel "Projekt für eine intellektuelle Extermination. Dokumente der Strafsache 321/B/1975" gab. Einen Durchschlag hatte ich in einem sicheren Versteck untergebracht, das Original, das ich 1982 bearbeiten und fertigstellen wollte, fiel in die Hände der Securitate. Dies nach einer gut durchdachten Aktion, in der "Voicu" als Lockvogel die Hauptrolle spielte. Ahnungslos tappte ich damals in eine Falle. (Siehe das 2. Dokument, vom 25.12.1981, http://halbjahresschrift.blogspot.com/2009/08/operationen-der-securitate-1974-1981_10..html)

Eine ergänzte Fassung des Buches mit neuen Dokumenten und einigen Interviews (mit einem Mitglied der literarischen Expertenkommission, dem zuständigen Militärstaatsanwalt http://www.halbjahresschrift.homepage.t-online.de/radu1.htm#Burca und einem hochrangigen Securitateoffizier) ist in rumänischer Sprache unter dem Titel „Constrângerea memoriei. Însemnari, documente, amintiri", (Gedächtnisnötigung. Aufzeichnungen, Dokumente, Erinnerungen) Polirom Verlag, Iasi 2001, erschienen.

Was in den beiden erwähnten Büchern steht, kann jetzt anhand der Securitateakten vervollständigt werden. Einige Namen von Securitateoffizieren, die ich seinerzeit nicht richtig verstanden habe, können jetzt korrigiert werden. Auch der Name des Securitateoffiziers, dem ich zum ersten Mal in meinem Leben 1970 leibhaftig begegnet bin. Als er sich vorstellte, glaubte ich, den Namen Topliceanu gehört zu haben. In Wirklichkeit hieß er jedoch Dobriceanu.

In meinen beiden oben erwähnten Büchern beschreibe ich die Umstände dieser Begegnung folgendermaßen:

„Wegen eines Briefes, den ich an einen ausländischen Radiosender geschrieben hatte, wurde ich während der Reifeprüfung zum ersten Mal zum Sicherheitsdienst zitiert. Ein gewisser Topliceanu [sic!] sagte während der Vernehmung kein einziges Wort über den wahren Grund meiner Vorladung. Da der Brief anonym abgeschickt worden war, aber vom Sicherheitsdienst auf der Post beschlagnahmt wurde (unter Verletzung der Bestimmungen der rumänischen Verfassung, die das Briefgeheimnis garantiert), musste der Täter anhand der Schriftproben identifiziert werden. Mir war klar, worum es eigentlich ging (...).

Im Herbst 1970 wurde ich erneut zum Sicherheitsdienst bestellt. Diesmal in die Zentrale nach Temeswar, offiziell als Kreisinspektorat Temesch des Innenministeriums bezeichnet, wo mich ein Hauptmann namens Dumitrescu etwa acht Stunden im Zusammenhang mit dem anonymen Brief verhörte. Erst nachdem ich ein schriftliches Geständnis abgelegt hatte, durfte ich wieder gehen. (...)

Am 22. Oktober bekam ich den Einberufungsbefehl. Nachdem ich meinen Militärdienst angetreten hatte, erschien Dumitrescu im Hause meiner Familie und beschlagnahmte meine Gedichte. Erst sechs Monate später gab er sie mir wieder zurück. [Um welche Gedichte es sich handelte, kann ich nicht sagen, weil ich zu jenem Zeitpunkt beim Militär war. Vielleicht befanden sich darunter auch jene ersten Versuche aus meiner Gymnasialzeit, die „Gruia" begutachtete und die in dem operativen Vorgang „Muzicologul" analysiert werden. - Anm. W.T.]

Während meiner Soldatenzeit in einer Artillerieeinheit in Baia Mare (in der Maramuresch) verhörte mich im Zusammenhang mit dem Brief mehrere Male ein als Artillerist verkleideter Securitate-Offizier. Ich musste mehrere schriftliche Geständnisse ablegen. Im Februar 1971 [eigentlich am 16. März 1971, wie ich jetzt den Akten entnehme - Anm. W.T.] kam es dann zu einer öffentlichen Verhandlung, zu der das ganze Regiment erscheinen musste. Nach einem vom Sicherheitsdienst ausgetüftelten Szenarium wurde ich als Staatsfeind 'entlarvt' und aus dem Verband der Kommunistischen Jugend (VKJ), dem ich seit 1965 angehörte, als politisch unzuverlässig ausgeschlossen."

(Vgl. Die Zwänge der Erinnerung, S. 61-62)

Wie umfassend die von der Securitate 1970 eingeleiteten Maßnahmen zur Identifizierung des Briefschreibers waren, konnte ich mir eigentlich gar nicht vorstellen. Nachdem die Securitate die Briefe - es waren nämlich zwei, vielleicht sogar auch mehrere - abgefangen hatte, wurde eine regelrechte Rasterfahndung eingeleitet, um den Autor zu entdecken. Die Fahndung schloss auch Verdächtige aus anderen Kreisen ein, die jeweiligen Securitatebezirksabteilungen wurden in Marsch gesetzt, es wurden Schriftproben eingesammelt und mit meinen Briefen verglichen. Als potentielle Urheber des Briefes, der an Radio Free Europe gerichtet war, verdächtigte man zuerst Studenten und Lehrkräfte meines Gymnasiums; es wurden Listen angefertigt und Mitglieder einer Rockgruppe unter die Lupe genommen.

Weitere Schriftproben wurden von zahlreichen Mitschülern gesammelt. Von mir hatte man zusätzlich zwei Hefte mit Klausurarbeiten aus der Schule mitgenommen, die sich in meiner Akte (dem ersten operativen Vorgang „Muzicologul") befinden.

Später dehnten sich die nachrichtendienstlichen Ermittlungen auch auf die damaligen Redaktionsmitglieder einer Studentenbeilage aus, die zusammen mit der „Neuen Banater Zeitung" vertrieben wurde.

Unter den Mitarbeitern dieser Studentenbeilage taucht auch zum ersten Mal „Voicu" auf, allerdings mit seinem Klarnamen.

Ursprünglich sollte alles mit einem Strafverfahren enden. Dazu kam es jedoch nicht. Im Rahmen einer nach stalinistischem Vorbild organisierten öffentlichen Entlarvungssitzung wurde ich aus dem kommunistischen Jugendverband ausgeschlossen. Während der vorangegangenen Verhöre wurde ich fotografiert, denn in einer Militärzeitung sollte als abschreckendes Beispiel eine Reportage über meinen Fall erscheinen.

Meines Wissens hat man letztlich auf eine publizistische Darstellung des Vorgangs verzichtet.

Der Fotograf des Regiments war ein Soldat, mit dem ich befreundet war. Er steckte mir damals zwei Fotos zu, die er entwickelt und ausgearbeitet hatte und die für das Blatt bestimmt waren. Auf diese Weise kam ich zu dem Foto, das in meinen oben erwähnten Büchern veröffentlicht ist. Darauf bin ich an einem Schreibtisch sitzend, zusammen mit dem Offizier zu sehen, der mich damals verhörte.

William Totok

http://halbjahresschrift.blogspot.com/

 


Am 7. und 8. Dezember 2009 fand die nternationale Tagung des IKGS in München statt (nach oben)

Rumäniendeutsche Literatur im Spiegel und Zerrspiegel der Akten des rumänischen Geheimdienstes „Securitate“

Veranstalter:

Das Symposium fand in Zusammenarbeit mit dem rumänischen Nationalen Rat zur Aufarbeitung der Securitate-Archive (Consiliul National pentru Studierea Arhivelor Securitatii-CNSAS) in der Sudetendeutschen Stiftung statt (Hochstraße 8, 81669 München).

Tagungsteilnehmer:

Nach Grußworten

der Generalkonsulin von Rumänien in München, Brândusa Ioana Predescu, und von Prof. h. c. Dr. Konrad Gündisch im Auftrag des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien

werden folgende Referenten vortragen:

Univ.-Doz. Dr. Ladislau Antoniu Csendes (Bukarest): Totalitarismul din România
î mpotriva multiculturalismului [Der Totalitarismus in Rumänien gegen den Multikulturalismus];

Univ.-Doz. Dr. Virgiliu Leon Târau (Bukarest): Problema germana în arhivele
Securitatii – anii 1970–1980 [Das deutsche Problemfeld in den Archiven der Securitate der
Jahre 1970 bis 1980];

Dr. Silviu B. Moldovan (Bukarest): Viziunea Securitatii asupra statutului
si rolului minoritatii germane: Metode de urmarire si informare [Die Vorstellung der
Securitate von Status und Rolle der deutschen Minderheit: Methoden der Verfolgung und
Informationsgewinnung];

Cristina Anisescu (Bukarest): Dirijarea informatorilor în mediul scriitorilor de limba germana - metode de lucru ale Securitatii [Die Führung der Informanten im Bereich der deutschsprachigen Schriftsteller – Arbeitsmethoden der Securitate];

Dr. Georg Herbstritt (Berlin): Doppelt überwacht: Warum sich neben der Securitate auch die DDR-Staatssicherheit mit rumäniendeutschen Schriftstellern befasste. Rationale Annäherung an ein irrationales Phänomen;

Prof. h. c. Dr. Stefan Sienerth (München): Operative Vorgänge im Problemfeld „Deutsche Faschisten und Nationalisten“. Anmerkungen zu den Aktionen „Epilog“ und „Scutul“ in den Jahren 1971-1976;

Dr. h. c. Hans Bergel (München):
Meine Jahrzehnte im Fokus der Securitate. Von Verfolgungs- und Verhaftungsbefehlen, Informationsnoten und Verhör-Protokollen;

Franz Hodjak (Usingen): Ein Spatz und etliche Kanonen. Ein Staatsfeind blickt mich ungläubig aus meiner Securitate-Akte an;

Prof. h. c. Dr. Peter Motzan (München): Weder Dissident noch Denunziant. Ein Literaturkritiker im Visier der Securitate;

Gerhardt Csejka (Frankfurt am Main): Ich habe den Klassenfeind erkannt.
Was meine Securitate-Akte tatsächlich dokumentiert;

Richard Wagner (Berlin): Kontaktaufnahme oder wie ich einmal die Securitate positiv beeinflussen wollte und dabei positiv
beeinflusst wurde;

William Totok (Berlin): Zwanzig Jahre lang im Visier der Securitate
1969-1989; Prof.

Dr. Anton Sterbling (Görlitz): Die Reschitzaer Akten und Fragen der Aktenlücken;

Horst Samson (Neuberg): Dichter und Wahrheit – ein arabisches Märchen vom
Balkan;

Johann Lippet (Heidelberg): Fünf Gedichte aus der „Neuen Banater Zeitung" vom
24. November 1982 und die Denunziation des „Voicu“;

Helmuth Frauendorfer (Leipzig):
Im Westen, und doch nicht den Fängen der Securitate entkommen;

Hellmut Seiler (Remseck):
Eine Wanze namens Boris. Schwerpunkt: Absurditäten der Überwachung und der geheime
Streudienst.

Nach Tagungsschluss unterzeichneten die Tagungsteilnehmer folgende Resolution: (nach oben)

RESOLUTION der IKGS-TAGUNG in MÜNCHEN

Wir, die Teilnehmer der internationalen Tagung „Deutsche Literatur in Rumänien im Spiegel und Zerrspiegel der Securitate-Akten“ vom 7. und 8. Dezember 2009 in München, begrüßen es, dass sich Rumänien zur Aufarbeitung seiner Geschichte bekennt und auch den Kontext des verbrecherischen Wirkens des Geheimdienstes Securitate mit einbezieht, der als Werkzeug der Diktatur und des menschenfeindlichen Regimes eine maßgebliche Rolle zur Absicherung des Machtapparates gespielt hat.

Dieser bedeutsame ANSATZ zur Aufarbeitung des Unrechts und des kriminellen Handelns soll dazu beitragen, dass sich ein solches Gewaltregime nicht wiederholt.

Wir bewerten die Aktivitäten der CNSAS, des Nationalrates zur Aufarbeitung der Securitate-Akten, trotz defizitärer Praktiken als ein Signal und ein Angebot der Versöhnung, das an die vielen Opfer des repressiven Systems adressiert ist, jenes Systems, das in organisierter Form die Zersetzung der bürgerlichen Freiheit und des offenen Wortes betrieben hat.

Dieser richtige Impetus der Aufklärung darf aber nicht bei dem bisher Erreichten enden und in rhetorischen Gesten versanden. Licht, das ist nicht nur Helligkeit und Verblendung, sondern Aufklärung und Wissen.

Wir sind der Meinung, dass Rumänien im Namen der Opfer eine Bringschuld hat, die es unverzüglich einzulösen gilt.

Eine Fortsetzung der Verschleierung und Hinhaltetaktik ist unerträglich und muss sofort aufhören. Die Hintermänner und Drahtzieher, aber auch die Exekutanten des Unrechtes sind zur Verantwortung zu ziehen.

Für uns, die Teilnehmer an dieser Tagung, steht fest, dass in sehr vielen Fällen bei den Akten-Offenlegungen die Namen der Informanten und Offiziere nicht preisgegeben werden. Dadurch werden Verfolgte des Regimes mit den Schandtaten vor einem Vorhang des Schweigens und Verschweigens ein weiteres Mal verhöhnt.

München, 08.12.09


Rheinpfalz, 21.1.10 (nach oben)

Geheimdienst zu Besuch

War der Lambsheimer Franz T. Schleich Securitate-Spitzel „ Voicu"? - Zwei Opfer-Akten sprechen dafür


Von M. Clauer und R. Peter

War der rumäniendeutsche Journalist und Schriftsteller Franz T. Schleich (62) „ Voicu", ein Spitzel des rumänischen Geheimdienstes Securitate? „Report Mainz" behauptet das. Schleich indes, der heute im pfälzischen Lambsheim wohnt, bestreitet die Vorwürfe (RHEINPFALZ vom 13. Januar). Jetzt sind neue Belege aufgetaucht - sie sprechen gegen Schleich.

Prominentestes Opfer von „ Voicu" war Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. Aber auch über Richard Wagner, Ex-Mann von Herta Müller, sowie die Schriftsteller Horst Samson und William Totok gibt es Spitzelberichte von ihm. Steckt Schleich dahinter? Der in Berlin lebende William Totok (58) ist sich jedenfalls sicher. Er hat der RHEINPFALZ jetzt einen Bericht aus dem Jahr 1975 in rumänischer Sprache zur Verfügung gestellt. Gefunden hat er ihn in seiner Securitate-Opfer-Akte. Darin berichtet „ Voicu" über die in der Kleinstadt Jimbolia/Hatzfeld zirkulierenden Gerüchte über Gunter Totok, William Totoks Bruder: „Als ich am 17. Juli in Hatzfeld war und mich mit Schenk (leitender Angestellter in einem örtlichen Unternehmen - d. Red.) unterhielt, erfuhr ich folgendes über Günther Totok (andere Schreibweise - d. Red.): Er soll in seiner Militäreinheit verhaftet worden sein, weil er eine Sendeanlage entwenden wollte, um Verbindung mit Radio Freies Europa aufzunehmen, wohin er Gedichte seines Bruders William Totok übertragen wollte." In den Augen des Regimes war das ein staatsfeindlicher Akt. Franz T. Schleich war damals als Redakteur der „Neuen Banater Zeitung" zuständig für Hatzfeld.

Auch der heute in Hessen lebende Schriftsteller Horst Samson (55) ist überzeugt, dass Schleich ihn als „ Voicu" ausspioniert hat. Übersetzungen aus Samsons Securitate-Akte liegen der RHEINPFALZ vor. Unter anderem wird darin vom Besuch des DDR-Schriftstellers Erich Kriemer im Juni 1982 bei Samson und seiner Frau zuhause in Temesvar berichtet. Anwesend dabei: Franz T. Schleich. Der Bericht, gerichtet an einen Securitate-Offizier namens Padurariu, stammt jedenfalls von „ Voicu". Darin heißt es unter anderem, dass Gastgeber Samson zu Kriemer gesagt habe: „Es scheint, dass unser Geheimdienst sich jetzt nach euch richtet. Bei mir haben sie eine Hausdurchsuchung gemacht, und wäre nicht Berwanger (Chefredakteur der „Neuen Banater Zeitung" - d. Red.) gewesen, dann glaube ich, würde ich jetzt im Knast sitzen." Samson ergänzt dazu heute: „Die Führung des Geheimdienstes vermerkt mit Rotstift auf Seite 1, Ecke oben links: ,Samson ist ein feindliches Element. Er soll mit allen Mitteln bearbeitet werden, über die wir verfügen ...""


Schriftverkehr zwischen Horst Samson und Franz Schleich (nach oben)

Briefwechsel

An
Franz Th. Schleich
Goethestr1. 8
D-67245 Lambsheim
Neuberg, 27. Juni2008

Lieber Franz,

ich war im April eine Woche lang in Bukarest und durfte dort, im Consiliul National pentru Studierea Archivelor Securitatii( C.N.S.A.S.),d ie Akten wälzen,d ie von der Securitate über mich angelegt wurden. Dabei stolperte ich auch über Deine Berichte unter dem Decknamen Voicu. Ich war wie vom Blitz getroffen und bin maßlos enttäuscht. Es ist alles so lange her, doch ich möchte verstehen, warum und aus welchen Zwängen heraus Du das getan hast.
Ich hoffe, Dir, Helga und Euren Kindern geht es gut.

Mit besten Grüßen warte ich auf Deinen Brief.

Horst

 

Herrn
Horst Samson
Lessingstraßel6
63543 Neubers
Lambsheim, 1. Juli 2008

Lieber Horst,

ich war eigentlichn icht überraschta, ls ich heuteD eine Zeilenvom2T. Juni 2008 bekommen habe,w eil esj a nur eine Frage derZ eit war, bis auchm ich die Securitate- Krake einholen würde. Zu der ganzen Geschichte, die wahrlich schon lange her ist, von meiner Seite aus soviel: Der Name ,,Voicu" sagt mir überhaupt nichts. Nach einem Vierteljahrhundert ein Securitate- Spinnennetzyon Gerüchten, Lügen, Verneblungen, Fälschungen und Fakten aufzuklären und zu beurteilen, ist fast eine Sache der Unmöglichkeit - die Wahrheit, bitter oder befriedigend, bleibt immer auf der Strecke. man kann sich ihrer niemals sicher sein. Das ist meine feste überzeugung. Darum bin ich bis heute zu meiner Akteneinsicht nie nach Temesvar. Bukarest oder Berlin gefahren, obwohl ich dant auch gerechtfertigte Gründe hätte. Erwähnen muss ich aber, dass mir einige einstigeW eggeführtenE inblicke in ihre Dossiersd arüberg ewährten,w as sie einst über mich geschriebenh aben. Ich habed aszur Kenntnis genommen. Mehr nicht.

Mit den besten Wünschen Dir und Deiner Familie

Franz Th. Schleich

 

An
Franz Th. Schleich

4. Juli 2008

Lieber Franz,

vielen Dank für Deine E-Mail, auch wenn sie weitläufig an meinem Anliegen vorbei geht.
Ich habe versucht, auch zwischen den Tnilen zu lesen, habe mir Mühe gegeben, aber befriedigt hat mich das nicht. Denn zwischen denZnilen hören die Gewissheiten auf, werden von Vermutungen überlagert. Und davon haben wir genug.
Dein Brief hilft nicht wirklich weiter. Ich wollte verstehen, wie und warum sö etwas geschieht, wie jemand in solch einen Strudel hinein gerät und wieso es daraus kein Entkommen gibt?
Eine Krake wie die Securitatea rbeitetn achb ekanntenM ustern.M eine diesbezügliche Neugier ist begrenzt. Ich wollte Dich verstehen, lieber Franz, einen Freund, nicht Verräter von der Stange wie Dorian Grozdan, Hans Mokka, Willy Heinz, Harald Dasinger...
Du schreibst schöne Sätze, aber sie schweben in der Luft, haben keine Wurzeln in unserer beider Welt. Was ist schon Wahrheit? Du hast Deine Wahrheit, ich habe meine Wahrheit und die Securitate hat ihre Wahrheit. Das ist wahr. Danach habe ich mit meinem Brief an Dich nicht gesucht. Ich wollte mehr als nur wissen, wollte,,Warheiten" verstehen, Dich. Und mit diesem Gedanken hast Du mich alleine gelassen.

Mit besten Wünschen an Dich und Helga,

Horst

(nach oben)

Juristische Aufarbeitung von Unrecht (nach oben)
Rechtliche Schritte gegen Spitzel?

Die Erfahrungen mit der juristischen Aufarbeitung von Stasi-Unrecht in Deutschland
Von Georg Herbstritt

Gelegentlich wird in letzter Zeit die Frage aufgeworfen, ob gegen Securitate-Informanten unter den Rumäniendeutschen nicht auch rechtliche Schritte eingeleitet werden können.

Die Erfahrungen, die man in den vergangenen zwanzig Jahren in Deutschland hinsichtlich der Stasi-Mitarbeiter gemacht hat, legen aber die Antwort nahe, dass rechtliche Schritte kaum ein geeignetes Mittel sind, um die Problematik von Geheimpolizei und Bespitzelung befriedigend aufzuarbeiten.

Das bedeutet, die Auseinandersetzung mit diesem Teil der jüngsten Geschichte muss sich auf andere Aspekte konzentrieren: auf moralische, historische und gewiss auch auf persönliche Aspekte. Und das ist nicht einmal das schlechteste.

Die deutsche Justiz hat in den 1990er Jahren große Anstrengungen unternommen, um Stasi-Unrecht strafrechtlich zu ahnden. Dabei hat sie auch gegen frühere inoffizielle Mitarbeiter (IM) der DDR-Staatssicherheit ermittelt. Hierbei taten sich aber verschiedene Probleme auf. Eines bestand darin, dass die Spitzeltätigkeit an sich keine strafbare Handlung darstellte. Außerdem gab es verschiedene juristische Besonderheiten zu beachten. Alles in allem wurden in den 1990er Jahren nur 42 frühere IM angeklagt, und nur wenige von ihnen wurden am Ende verurteilt. Verurteilt wurden beispielsweise einige wenige Ärzte und Rechtsanwälte, die als IM Informationen über ihre Patienten oder Mandanten an das MfS weitergaben. Sie hatten sich der Verletzung von Privat- und Berufsgeheimnissen strafbar gemacht. Zu einzelnen Verurteilungen kam es auch in solchen Fällen, wo der Verrat von Fluchtvorhaben oder die Denunziation regimekritischer Handlungen zu Inhaftierungen geführt hatte. Nur zwei IM mussten überhaupt eine Haftstrafe antreten: der eine wurde wegen dreifachen Mordversuchs verurteilt, der andere wegen Beihilfe zum versuchten Mord.

Von den hauptamtlichen Stasi-Mitarbeitern wurden in den 1990er Jahren 182 angeklagt, aber auch bei ihnen fällten die Gerichte äußerst milde Urteile. Alles in allem endeten zwei Drittel der Strafverfahren gegen hauptamtliche oder inoffizielle Stasi-Mitarbeiter entweder mit Freispruch oder ohne ein Urteil. Nur ein MfS-Offizier musste eine Haftstrafe antreten, ihm wurde Beihilfe zum Mord im Zusammenhang mit dem Sprengstoffattentat auf das „Maison de France“ in West-Berlin 1983 zur Last gelegt.

(Außerhalb der Betrachtung bleibt hier der Bereich der Spionage: über 360 frühere Bundesbürger, die als „West-IM“ für die DDR-Geheimdienste im Westen spioniert hatten, wurden in den 1990er Jahren zu Geld- oder Haftstrafen verurteilt; rund 60 von ihnen mussten tatsächlich eine Haftstrafe antreten. Die meisten Spionagedelikte verjähren nach fünf Jahren, lediglich der Verrat von Staatsgeheimnissen („Landesverrat“) verjährt erst nach zwanzig Jahren. Folgt man den veröffentlichten Jahresberichten des Bundesamtes für Verfassungsschutz, so kann man davon ausgehen, dass Rumänien seit Ende der 1990er Jahre nicht mehr nachrichtendienstlich in Deutschland aktiv ist. Denkbare Spionagedelikte sind deshalb größtenteils verjährt.)

Für den Umgang mit dem kommunistischen Erbe Rumäniens dürfte der Rechtsweg in Deutschland weitgehend ausgeschlossen sein. Und selbst wenn sich der Rechtsweg in bestimmten Fällen doch als gangbar erweisen sollte, dürfte er kaum zum erhofften Ziel führen, wie die Erfahrungen mit der juristischen Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit in Deutschland zeigen. Umso wichtiger sind deshalb andere Formen im Umgang mit der jüngsten Geschichte: öffentliche Debatten und persönliche Gespräche zu führen gehören ebenso dazu wie gesicherte historische Erkenntnisse zu erarbeiten.

Quelle: http://halbjahresschrift.blogspot.com/2010/02/juristische-aufarbeitung-von-unrecht.html

Literaturhinweise:

Schißau, Roland: Strafverfahren wegen MfS-Unrechts. Die Strafprozesse bundesdeutscher Gerichte gegen ehemalige Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Berlin 2006.

Marxen, Klaus; Werle, Gerhard; Schäfter, Petra: Die Strafverfolgung von DDR-Unrecht. Fakten und Zahlen. Berlin 2007 (online abrufbar unter https://www.stiftung-aufarbeitung.de/publikationen/files/strafverfolgung.pdf).
Eingestellt von hjs-online um 18:00
Labels: Kommunismus

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