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Aufarbeitung von Securitate-Akten Solidaritätsfonds
zur Unterstützung
von Securitateopfern in rechtlichen Auseinandersetzungen Die Aufarbeitung der Machenschaften und Verbrechen der Securitate erfolgte in Rumänien bisher recht unbefriedigend, wenngleich intensivere Bemühungen in den letzten Jahren nicht zu verkennen sind. Dies wirkt sich auch auf die Lage und Handlungsmöglichkeiten der in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Opfer der politischen Polizei Rumäniens aus. Ihnen sind ihre Opferakten, wenn überhaupt, erst spät zugänglich geworden und die ausgehändigten Akten sind vielfach offenkundig unvollständig. Zudem ist bislang die nach rumänischer Rechtslage mögliche Auskunft der Klarnamen der Täter, also der Informanten und informellen Mitarbeiter der Securitate, nur zögerlich und lediglich in begrenzten Fällen erteilt worden. Trotz
dieser schwierigen Umstände ist es mittlerweile gelungen,
eine Reihe aktiver Helfer der politischen Polizei Rumäniens in der
Zeit der kommunistischen Herrschaft zu identifizieren, die durch ihre
dokumentierte Zusammenarbeit mit der Securitate und nicht zuletzt durch
ihre schriftlich vorliegenden Berichte einzelne Opfer nachweislich und
gravierend geschädigt haben. Dies geschah auf drei Wegen: auf der
Grundlage akribischer Studien der ausgehändigten Akten durch die
Opfer selbst und des Austausches der Opfer über die aus ihren Aktenbeständen
gewonnenen Einzelerkenntnisse; durch unabhängige wissenschaftliche
Akten- und Archivuntersuchungen von ausgewiesenen Wissenschaftlern, die
nach einschlägigen Methoden der Erforschung zeitgeschichtlicher
Dokumente und Archivalien erfolgten; durch Recherchen und wissenschaftliche
Untersuchungen der Mitarbeiter des Nationalen Rats für das Studium
der Archive der Securitate („Consiliul national pentru Studierea
Arhivelor Securitatii“/CNSAS) im Rahmen ihres gesetzlichen Auftrags. ANTON STERBLING (nach oben) Anton Sterbling erhielt am 11. Juni 2009, nachdem er im Herbst 2008 einen entsprechenden Antrag gestellt hatte, Einsicht in seine Securitate-Akte. Aus diesem Beitrag, der im "Groß-Sankt-Nikolauser Heimatheft 2010" in voller Länge erscheinen wird, eine kleine Ausarbeitung:
Einige Anmerkungen Das Gedicht „Abschied in Arad“ hat einen ganz besonderen Entstehungshintergrund, der nun, nachdem mir ein Teil meiner Securitateopferakten zugegangen ist,(1) noch deutlicher wird. Vom 27. Juni 1973 bis 8. Oktober 1974 wurde auch seitens der Securitate in Reschitza, meinem damaligen Studienort, mit hoher krimineller Energie wie auch auf eine größere Zahl von informellen Mitarbeitern (zumeist Studienkollegen) gestützt, ein Beobachtungs- und Verfolgungsverfahren („Urmarire informativa“) gegen mich unter dem konspirativen Namen „Pletosul“ („Der Langhaarige“) betrieben. Allein dazu liegen in den Archiven der ehemaligen Securitate rund 200 Seiten vor. Aus diesen ist zu entnehmen, dass am 23. September 1973 auch ein Strafverfahren („Urmarie penala“) gegen mich eröffnet wurde. Dieses hing mit einer bereits am 22. September 1973 begonnenen Beobachtung(2) rund um die Uhr
zusammen, nachdem ich mit meiner damaligen Freundin und heutigen Frau
Marianne(3) im Hotel„
Semenic“ in Reschitza angekommen war und wir – wie den
Akten zu entnehmen ist – ein von der Securitate ausgewähltes
und präpariertes Zimmer, mit Einsicht
aus dem Nebenraum, erhielten. Diese Beobachtungen und Ermittlungen
wurden durch eine Spezialeinheit aus Temeswar durchgeführt, die mir übrigens
den Decknamen „Stoian“ gab.(4) Da
ich die Observation – für so etwas schon genügend sensibilisiert – rasch bemerkte, hielten wir uns nur wenig
im Hotel auf, sondern suchten stattdessen die Die letzten Stunden bis zum „Abschied in Arad“ wurden in den Akten der Securitate wie folgt festgehalten.(7) „ Vom
Sommergarten des Restaurants Cina sind sie um 0,30 Uhr weggegangen,
sie sind durch Aus
technischen Gründen hier eine Abschrift des rumänischen
Textauszugs, keine Wiedergabe der Photokopie, wie ursprünglich
beabsichtigt. Diese Abschrift ist textidentisch mit der Photokopie und dem Original. Fußnoten: 1 Dies erfolgte am 11. Juni 2009, nachdem ich im Herbst 2008
einen entsprechenden Antrag gestellt habe. JOHANN LIPPET (nach oben) Das
Leben einer Akte Wunderhorn-Verlag, Heidelberg ISBN:
10-3884233319 oder LESEPROBE: Bis
November 1977 gibt es im Dossier keinen Beleg meine literarische Tätigkeit oder anderes betreffend. Am 11.11.1977 informiert Vorausgreifend sei zu Informant „Mayer“ festgestellt: Er wird auch weiterhin Informationen über meine Lesungen im „Adam Müller- Guttenbrunn“ Literaturkreis liefern, er verfaßt aber seine Berichte,im Unterschied zu anderen Informanten, nicht selbst. Es sind Niederschriften von Oberstleutnant Padurariu anhand der Aussagen des Informanten „Mayer“, ein Vergleich der Handschrift dieser Mitteilungen mit Dienstanweisungen von Oberstleutnant Padurariu beweisen es: die Handschriften sind identisch. Die Mitteilung vom 11.11.1977 trägt die Kennziffer 12835 und ist die 102. Die Berichte ab 1980 von „Mayer“ in meinem Dossier haben die Kennziffer 26546, die Numerierung der gelieferten Beiträge beginnt neu, der letzte in meinem Dossier dokumentierte stammt vom 21.06.1986, ist als handschriftliche Kopie ausgewiesen, eine fortlaufende Nummer fehlt. Die vorletzte Mitteilung zu mir, 31.03.1984, hat die Nummer 134. Zur
Lesung. Die Quelle „Mayer“ macht darauf aufmerksam, daß in der
Sitzung des Literaturkreises vom 11.11. laufenden Jahres Lippet Johann
eine eigene Arbeit in der Form eines autobiographischen Romans vorstellte,
heißt es eingangs im Bericht. Und weiter: In dieser Arbeit
bezog sich Lippet auf die Verbringung der Bürger deutscher Nationalität
zur Wiederaufbauarbeit in die UdSSR(37) und dann
in den Baragan(38),
wobei der erste Aspekt anhand von Daten, die er gesam-melt hat oder von älteren
Leuten erfuhr, wiedergeben wird. Außerdem behandelte er
die Zeitspanne der Kollektivierung im Banat in der Art und Weise,
wie er sie damals sah. Die Arbeit von Lippet, fährt der
Bericht fort, wurde von den Anwesenden sehr gelobt, einschließlich
von Die Quelle, heißt es weiter, stellte in der Arbeit von Lippet keine weiteren tendenziösen oder interpretierbaren Aspekte fest, hält sie persönlich vom ästhetischen Gesichtspunkt für gelungen, meint aber, daß ihm das viele Lob der Diskussionsteilnehmer als übertrieben erscheint. Zum Schluß macht der Informant darauf aufmerksam, daß in der nächsten Sitzung des Literaturkreises, am 18.11, Peter Riesz aus einem Theaterstück lesen wird, in der Sitzung vom 2.12. Totok William. In der Bemerkung des Führungsoffiziers zum Bericht heißt es: Von Lippet weiß man, daß er zum näheren Umkreis von Totok W, Ortinau Gerhard, Wagner Richard und anderen mit feindseligen Einstellungen gehört. Maßnahmen: Der Informant wurde instruiert, herauszufinden, welchen Inhalts die Arbeiten von Totok sind, sollten sich deswegen Probleme ergeben, ist darüber noch vor der Lesung im Literaturkreis Bericht zu erstatten. Außerdem wurde der Informant instruiert, welche Position er im Literaturkreis zu vertreten hat, sollten Personen unangemessene Probleme politischer und ideologischer Natur aufwerfen. Um Auskunft über die Arbeiten von Totok zu erhalten, wurde auch die Quelle „Nelu“ instruiert. Die
Aufgabe, herauszufinden, welchen Inhalt eine literarische Arbeit hat, erteilten die Führungsoffiziere ihren Informanten immer, Ein Dokument, Mitteilung betitelt, ist ein zusammenfassender Berichtü ber Autoren, von denen man weiß, daß sie über die Deportationen geschrieben haben oder zu schreiben gedenken. Aus ihm geht hervor, daß es in drei Exemplaren getippt wurde, das mir vorliegende ist ein Durchschlag, es trägt eine Registriernummer und das Datum 24.04.1978, ansonsten keine anderen Quellenangaben. Wir sind darüber informiert, daß man im deutschsprachigen Literaturkreis„ Adam Müller-Guttenbrunn“ aus Temeswar in letzter Zeit das Verfassen und Lesen von literarischen Arbeiten fördert, welche die Verbringung der deutschen Bevölkerung zur Wiederaufbauarbeit in die UdSSR und in den Baragan zum Thema haben, heißt es eingangs. So verfaßte und las Nikolaus Berwanger im Jahr 1977 eine autobiographische Arbeit, in der es auch Hinweise auf die Zeit gibt, als ein Teil der deutschen Bevölkerung zur Wiederaufbauarbeit in die UdSSR und in den Baragan verbracht wurde(39). Und weiter heißt es: Aus Anlaß der Hochzeit seiner Tochter im August 1977, zu der auch der deutschsprachige Autor Ludwig Schwarz eingeladen war und der gerade Geburtstag hatte, trat Nikolaus Berwanger ans Mikrofon, beglückwünschte ihn und sagte unter anderem: „Ein langes Leben, und daß es dir gelingt, den Roman über den Baragan zu schreiben.“ (Zitat im Original) Berwanger Nikolaus bezog sich in einem Gespräch mit Mitgliedern des Literaturkreises auf die Notwendigkeit des Verfassens und Publizierens von Arbeiten zu diesen Themen und meinte, daß „die Verbringung vieler Bürger deutscher Nationalität zur Wiederaufbauarbeit in die UdSSR und dann in den Baragan das Leben der Deutschen aus Rumänien tief geprägt haben, das sind Probleme, die vom politischen und historischen Standpunkt als Fehlentscheidungen der damaligen Staatsführung angesehen werden, die in der Gegenwart von der Posi-tion eines engagierten Schriftstellers behandelt werden müssen und nicht nur in revanchistischen Werken aus dem Westen ihren Niederschlag finden dürfen.“ (Zitat im Original) Mehrere deutschsprachige Autoren, die an diesem Literaturkreis teilnahmen, schlußfolgert der Bericht daraufhin, beschäftigen sich nun mit diesen Themen, einige von ihnen verfaßten dergleichen Arbeiten und lasen daraus, bekannt sind uns die folgenden: - Lippet Johann, Lehrer an der Allgemeinschule Nr. 8, verfaßte eine solche Arbeit und las im Literaturkreis daraus vor, das autobiographische Werk bezog sich auf die Verbringung der deutschen Bevölkerung zur Wiederaufbauarbeit in die UdSSR. - Samson Horst (40), Redakteur der „Neue Banater Zeitung“ verfaßte und las ein Gedicht, das sich auf den Baragan bezieht. - Ludwig Schwarz (41) ebenfalls aus der Redaktion der „Neue Banater Zeitung“ ist dabei, einen Roman mit dem Titel „Dorf ohne Schatten“ zu schreiben, der verdeutlichen soll, daß durch die Verbringung in den Baragan die Menschen entwurzelt worden wären, dort nicht einmal Schatten hatten. - Heinz Stefan (42), gewesener Schauspieler am Deutschen Theater, gegenwärtig Rentner, will ein dramatisches Werk in zwei Teilen verfassen, der erste soll die Verbringung einer Familie in einem Viehwaggon in die UdSSR zum Thema haben, der zweite die Rückkehr der Familie aus der UdSSR zum Wohnort. Stefan Heinz will dieses Stück dem Deutschen Theater vorlegen, wo es bis November laufenden Jahres aufgeführt werden soll. Wir glauben, heißt es schlußfolgernd, daß das Verfassen, die Darbietung und die Veröffentlichung von Werken mit dieser Thematik in den Reihen der deutschen Bevölkerung, einschließlich der Jugend, zum Wiedererwachen von unangemessenen Gefühlen führt, und das um so mehr, da auch gegenwärtig von einigen Personen die Idee der Auswanderung vertreten wird, weil sie angeblich im Laufe der Jahre un-gerecht behandelt wurden und ihnen Schwierigkeiten durch die Verbringung in die UdSSR und in den Baragan entstanden sind. Wir schlagen vor, heißt es abschließend, mit Berwanger Nikolaus ein Gespräch zu führen, hinsichtlich der Absicht einiger Personen deutscher Nationalität, dergleichen Materialien zu veröffentlichen, mit dem Zweck einer Stellungnahme zu diesen Fällen. Bis Dezember 1979 gibt es in der Akte keine Unterlagen über die Tätigkeit der Securitate zu meiner Person, doch es passierte einiges. Im Herbst 1978, beginnend mit der Spielzeit 1978/79, wurde ich Dramaturg am Deutschen Staatstheater Temeswar. Der Posten war vakant geworden, ein Wettbewerb wurde ausgeschrieben, es bewarben sich außer mir noch drei Kandidaten, ich wurde genommen. Drei Tage vor Weihnachten 1978 wurde ich vom Intendanten des Theaters verständigt, mich beim Kreisinspektorat Temesch des Innenministeriums einzufinden, man habe mit mir zu reden. Ich ging hin, war auf alles gefaßt, und wurde von Oberstleutnant Padurariu in einem fensterlosen Raum empfangen. Ohne Umschweife machte er mir den Vorschlag, als Informant für die Securitate zu arbeiten. Ich lehnte entschieden ab. Es kam zu keinem erneuten Anheuerungsversuch. Das
nächste Dokument im Dossier ist auf den 3.12.1979 datiert. Die Verbindungen zur westdeutschen Lektorin sind interessant und müssen verifiziert werden. Wir werden die Möglichkeit der Überprüfung der Information durch unsere Quelle „Luca“ in Erwägung ziehen. Für das Jahr 1980 befindet sich in meinem Dossier ein einziges Dokument, die von Oberstleutnant Padurariu handschriftlich verfaßte Niederschrift der Mitteilung des Informanten „Mayer“ vom 22.11. 1980. Die Quelle berichtet folgendes: Am 23. Oktober laufenden Jahres fand eine Arbeitssitzung des Literaturkreises „Adam Müller-Guttenbrunn“ statt, in der Lippet Johann eine Erzählung las, die William Totok gewidmet ist. Die Handlung der Erzählung spielt auf dem Land, es geht um den Besuch bei einem Freund (wahrscheinlich bei Totok). Richard Wagner äußerte sich dazu und meinte, daß die Erzählung ästhetischen Kriterien nicht standhält, weil sie nicht gut durchkomponiert ist. Die weitere Meinung des Informanten interessierte den Führungsoffizier wohl nicht mehr, denn er setzt unter die Niederschrift Auslassungspunkte, darauf folgt seine Anmerkung: Totok William und Richard Wagner werden von uns als Informativer Vorgang bearbeitet, Lippet ist eine ihrer Verbindungen. Am 14.02.1981 tritt Informant „Barbu“ in meinem Dossier in Erscheinung, er berichtet unter der Signatur X-B/00(44) an Hauptmann Adamescu. In
Nummer 12 vom Dezember 1980 der Zeitschrift „Neue
Literatur“, die von
den Mitgliedern des Literaturkreises „Adam Müller-Guttenbrunn“ zusammengestellt
wurde, befindet sich auf Seite 9 das folgende Gedicht von Johann Lippet. Neue
Literatur 12/1980 Für
die nächsten zwölf Monate befindet
sich kein Dokument in meinem Dossier, obwohl das Folgende
als Vorstufe zur Eröffnung Fußnoten: (35) Nach
jahrelangem Dissens mit der Leitung lasen
nun auch ehemalige Mitglieder
der „Aktionsgruppe Banat“ im Literaturkreis. GEORG HERBSTRITT (nach oben) Doppelt überwacht Im Herbst 1975 zerschlug die rumänische Geheimpolizei Securitate die „Aktionsgruppe Banat“, in der sich junge deutschsprachige Schriftsteller zusammengefunden hatten. Sie hatten neue Formen der Literatur ausprobiert und von einem mehr oder weniger marxistischen Standpunkt aus sowohl die Traditionen ihrer rumäniendeutschen Landsleute als auch die Repressionen der sozialistischen Staatsmacht kritisiert(2). Dieser Dissidentenkreis fand sich ab 1976, und personell erweitert, in dem schon länger in Temeswar (Timisoara) bestehenden Literaturkreis „Adam Müller-Guttenbrunn“ erneut zusammen. Und wie selbstverständlich wurde er ebenfalls von der Securitate überwacht. 1982 spitzte sich die Situation wieder zu. Der Literaturkreis „Adam Müller-Guttenbrunn“(3) kündigte am 10. Februar 1982 in der überregionalen deutschsprachigen Tageszeitung Rumäniens, dem „Neuen Weg“, seine nächste Veranstaltung an: "Sitzung
des Literaturkreises Diese Meldung veranlasste höchst wahrscheinlich die DDR-Botschaft in Bukarest, beim rumänischen Außenministerium zu protestieren. Aus DDR-Perspektive musste es in der Tat als Provokation erscheinen, in einem „sozialistischen Bruderland“ Lieder des prominentesten DDR-Dissidenten, Wolf Biermann, öffentlich vorzuspielen, und dies trotz der allgemeinen Pressezensur auch noch in der Zeitung anzukündigen. Tatsächlich traf sich der Literaturkreis am 11. Februar zu seiner Sitzung. Doch zuvor war der Schriftsteller und Redakteur Horst Samson, der den Biermann-Liederabend initiiert hatte, vom regionalen Kreisparteikomitee nachdrücklich aufgefordert worden, sein Vorhaben nicht umzusetzen. Wie sich Horst Samson erinnert, wurden die Biermann-Lieder deshalb erst nach der Sitzung in einem kleineren Kreis in seiner Wohnung abgespielt.(5) Auf den ersten Blick erscheint es mutig, dass der Biermann-Liederabend in der Zeitung angekündigt wurde. Doch Horst Samson wollte in dieser Zeitungsmeldung den Namen Biermanns überhaupt nicht erwähnt haben. Er hatte den zuständigen Redakteur des „Neuen Wegs“ vielmehr sehr deutlich gebeten, den Namen nicht zu nennen, um möglichen Ärger zu vermeiden.(6) Ob es nur die Gedankenlosigkeit des Redakteurs war, dass es anders kam, oder ob hier vorsätzlich ein Anlass geschaffen wurde, um den Literaturkreis angreifbar zu machen, muss vorerst offen bleiben. Links - die Verleihung des AMG-Literaturpreises, Dankesrede Horst Samson V.l.n.r.: Eduard Schneider, Helmuth Frauendorfer, Franz Binder, William Totok, Horst Samson, Richard Wagner, Nikolaus Berwanger. Quelle:
Archiv Horst Samson Drei Monate später ging die Securitate direkt gegen Horst Samson und seinen Kollegen William Totok vor. Am 14. Mai 1982 führte sie bei beiden Haussuchungen durch. Die Securisten begründeten ihr Vorgehen mit dem Protest der DDR-Botschaft gegen den Biermann-Liederabend. Dabei handelte es sich jedoch nur um einen Vorwand, denn dieser Vorfall lag inzwischen drei Monate zurück. In Wirklichkeit wollte die Securitate die Gedächtnisprotokolle von William Totok beschlagnahmen, in denen er die Erinnerungen an seine Haftzeit 1975/76 niedergeschrieben hatte. Totok war Mitglied der „Aktionsgruppe Banat“ gewesen und hatte nach deren Zerschlagung neun Monate in Untersuchungshaft gesessen.(7) Die Securitate hatte von ihrem Informanten „Voicu“ erfahren, dass William Totok seine Gedächtnisprotokolle an Horst Samson gegeben hatte. Um ihren Informanten zu schützen, behauptete die Securitate unzutreffender Weise, sie sei auf Initiative der DDR-Botschaft tätig geworden. Zum Schein beschlagnahmte sie bei Horst Samson tatsächlich die Tonbänder mit den Biermann-Liedern, und wie zufällig „entdeckte“ sie bei ihm dann noch William Totoks Aufzeichnungen, die sie ebenfalls mitnahm. Horst Samson und William Totok wurden in den folgenden Wochen mehrfach bei der Securitate verhört, eine längere Haft blieb ihnen aber erspart. In den Folgejahren verstärkte die Securitate den Druck auf die unbotmäßigen Schriftsteller, bis sie schließlich im Frühjahr 1987 das Land verließen und in die Bundesrepublik übersiedelten. Der damals einflussreichste politische Vertreter der deutschen Minderheit im Banat, der Schriftsteller und Journalist Nikolaus Berwanger, war bereits im Herbst 1984 in den Westen gegangen. Ihm war es bis dahin immer wieder gelungen, die jüngere Schriftstellergeneration vor staatlichen Repressionen zu schützen oder diese zumindest abzumildern.(8) Kurz nach diesen beiden Vorfällen im Frühjahr 1982 reiste ein inoffizieller Mitarbeiter (IM) der DDR-Geheimpolizei, des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS, „Stasi“) nach Rumänien und besuchte Anfang Juni 1982 auch Temeswar. IM „Buche“ war als Schriftsteller unbedeutend, spielte aber als Funktionär im DDR-Schriftstellerverband eine Rolle. Aus Sicht des MfS hatte er sich vor allem 1976 bewährt, als Wolf Biermann aus der DDR ausgebürgert wurde und etliche prominente DDR-Schriftsteller heftig dagegen protestierten. „Buche“ setzte auch in dieser Phase zuverlässig die Linie des MfS durch und half tatkräftig mit, gegen kritische Schriftsteller wie Reiner Kunze vorzugehen.(9) Nachdem „Buche“ von seiner Rumänienreise zurückgekehrt war, erstattete er seinem Führungsoffizier Peter Trost ausführlich Bericht über die Vorfälle in Temeswar und darüber hinaus. Trost fertigte daraus eine Information, die untenstehend auszugsweise wiedergegeben wird. Darin werden die beiden Vorfälle vom Februar und Mai 1982 irrtümlich als ein zusammenhängender Vorgang geschildert. Entscheidend ist aber das Gesamtbild: „Buche“ stellte die Situation in Rumänien aus der Sicht des strengen, disziplinierten SED-Genossen dar, erzählte von einer selbstbewussten und eigenständigen Literaturszene in Temeswar und berichtete über geistige und ideologische Freiräume, die mit der offiziellen politischen Linie in der DDR nicht zu vereinbaren waren. Rumänien musste aus dieser Perspektive als ein Tollhaus erscheinen, in dem unhaltbare Zustände herrschten. „Buche“ schilderte dem MfS unter anderem ausführlich eine kontroverse Diskussion, die er in einem kleinen Kreis mit Horst Samson führte. Sie diente ihm als ein Beispiel für die Gesinnung vieler rumäniendeutscher Schriftsteller. In diesem Kreis war „Buche“ jedoch nicht der einzige Informant. Die Securitate war mit ihrer Quelle „Voicu“ ebenfalls vertreten. „Voicu“ gehörte dem Literaturkreis Adam Müller-Guttenbrunn an und war als Redakteur der lokalen deutschsprachigen Tagezeitung, der „Neuen Banater Zeitung“, auch ein Arbeitskollege Horst Samsons. „Voicus“ Bericht ist auf den folgenden Seiten vollständig abgedruckt. Die Berichte beider Informanten sind stellenweise fast gleichlautend, an anderen Stellen widmen sie sich hingegen je eigenen Themen. Während „Buche“ eher die Freiräume hervorhebt, steht in „Voicus“ Bericht der Druck, dem die rumäniendeutschen Schriftsteller ausgesetzt waren, deutlicher im Vordergrund. Insofern unterscheidet sich die Wahrnehmung der beiden Informanten, die vom geheimdienstlichen Hintergrund des jeweils anderen nichts wussten. Der wesentliche Unterschied bestand aber darin, wie die beiden Geheimpolizeien die jeweilige Information weiterverarbeiteten. „Buches“ Bericht wurde an die MfS-Zentrale nach Ost-Berlin weitergeleitet, um dort ausgewertet zu werden(10). Das MfS war an derartigen Meldungen interessiert, weil Rumänien bereits seit den sechziger Jahren als unzuverlässiger Verbündeter galt. Die Zusammenarbeit zwischen MfS und Securitate war im Laufe der sechziger Jahre weitgehend eingestellt worden, Rumänien war aus Sicht des MfS ein „Operationsgebiet“(11). Ein Informationsaustausch zwischen beiden Geheimpolizeien fand nicht statt; auch die Informationen von „Buche“ und „Voicu“ wurden nie zusammengeführt. Berichte wie die von „Buche“ dienten dem MfS also dazu, die Situation in Rumänien einzuschätzen. „
Voicus“ Meldung wurde vom zuständigen
Securitate-Offizier hingegen unter dem Aspekt
ausgewertet, welche Maßnahmen als nächstes
eingeleitet werden sollten. Die entsprechenden
Vorschläge des Führungsoffiziers
finden sich direkt unter dem Bericht von „Voicu“.
Die Informationen von „Voicu“ bildeten
also die Grundlage für konkrete Repressionen
gegen Horst Samson. Der zuständige Vorgesetzte
des Securitate-Führungsoffiziers notierte
als Fazit und Anweisung mit Rotstift auf der
ersten Seite des „Voicu“-Berichts: „Samson
ist ein feindliches Element. Er soll mit allen
Mitteln bearbeitet werden, über die wir
verfügen.“ * * *
Information Nr. 211/82 Inoffizielle Information über einen Aufenthalt in Rumänien Der IM hielt sich von Ende Mai bis Mitte Juni 1982 in Rumänien auf. Er hatte Gelegenheit, eine Reihe von Gesprächen zu führen. Im folgenden eine Einschätzung zu den Gesprächspartnern: [...](13) Einschätzung/Bemerkungen zur Zeitschrift „Neue Literatur“ Da Genosse Stoffel von literarischen Dingen nicht viel versteht, ist Arnold der für den Inhalt verantwortliche Leiter. Beim Blättern in einigen Zeitschriften fiel mir auf, dass es offensichtlich einen Hang für die Außenseiter in der DDR-Literatur gibt: Uwe Kolbe beispielsweise. Auf eine diesbezügliche Frage sagt Hauser, er habe auch von Lutz Rathenow Gedichte abgedruckt. Im Kulturspiegel der Zeitschrift wird über den Tod von Künstlern, über Preisverleihung und anderes berichtet. Man liest alle möglichen unbedeutenden Namen. Den Namen Konrad Wolfs suchte man vergeblich. Die Zeitschrift „Neue Literatur“ hat die Auflage bekommen, bis Ende dieses Jahres Rentabilität nachzuweisen, ansonsten wird sie aufgelöst. Mitarbeiter der Zeitschrift halten diesen Auftrag für unerfüllbar, da es aus Gründen der Papiereinsparung auch nicht gestattet ist, die Anzahl der Abonnenten zu erhöhen. Man ist der Meinung, dass die deutsche Minderheit damit weiter zurückgedrängt werden soll. Gespräch im Literaturkreis Adam Müller-Guttenbrunn in Timisoara Einschätzung Nikolaus Berwanger [...] Nikolaus Berwanger ist Mitglied des Kreiskomitees der Partei in Timisoara, wohl sogar Mitglied des Sekretariats, Chefredakteur der deutschsprachigen „Neuen Banater Zeitung“, Sekretär des rumänischen Schriftstellerverbandes, Stellvertretender Vorsitzender des Volksrates für die deutsche Bevölkerung in Rumänien, ein sehr einflussreicher Mann! Er
war höflich, zeigte aber sehr bewusst
seine distanzierte Haltung gegenüber der
Sowjetunion und der DDR. [...] Zu seinem Verhältnis
zur DDR sagte Berwanger: Mitarbeiter der DDR-Botschaft
hätten ihm vorgeworfen, er unternähme
zahlreiche Reisen nach Österreich und
in die BRD, in die DDR käme er nicht. Nikolaus Berwanger ist Mitglied der Internationalen Lenau-Gesellschaft Stockerau (Österreich), des Josef-Reichl-Bundes in Güssing (Österreich) und hat zahlreiche andere Verbindungen. Einschätzung des Samson, Horst H. Samson ist Dichter und Kulturredakteur in der „Neuen Banater Zeitung“. Er präsentiert die Durchschnittsmeinung des dortigen Literaturkreises. Er ist ein trotziger, junger Mann, sehr von sich überzeugt. Mir scheint, dass die Grundlage dafür unsichtbare Förderer sind. An der Begegnung bei H. Samson nahmen etwa 7 Personen teil, Bekannte von Samson. Das Gespräch war sehr aufschlussreich, gab es doch einen Einblick in die Haltung zur DDR und unserer Literatur. In dem Versuch der Gesprächswiedergabe werden die ideologischen Positionen von Samson und Berwanger sichtbar. Es hatte sich im April oder Anfang Mai folgendes
zugetragen: Im
abendlichen Gespräch wurde der Sachverhalt
von Horst Samson so dargstellt. Im
Gespräch über DDR-Literatur wurden
folgende Positionen deutlich: Der DDR-Gastlektor [xxx] habe in einem Vortrag Eva Strittmatter als bedeutende DDR-Lyrikerin bezeichnet, das sei doch unter dem Strich, erklärte Samson. Als in abfälliger Weise von ihr gesprochen wird, wird ihm zu verstehen gegeben, dass es sinnlos ist, mit ihm zu streiten, da er sich selbst für den einzig gültigen Maßstab für Lyrik hält. Er sei offensichtlich der Nabel dieser Welt. Das hält ihn nicht davon ab, uns vorzuwerfen, wir würden große Dichter unterdrücken. Hier ginge er nicht nach eigenem Maßstab, sondern wer von Fühmann als großer Dichter anerkannt würde, der sei wirklich groß: Lutz Rathenow! Auf das Verlangen, er möge einen Band/Buch von Rathenow nennen, der als Nachweis dieser Größe gelten kann, bringt er eine westdeutsche Anthologie, dort sind zwei Gedichte von Rathenow abgedruckt. Ob ihm das als Nachweis für dichterische Größe genüge, wird gefragt. Antwort: Ihm genüge schon ein Gedicht: Es wird ihn auf den Kopf zugesagt: „Du hast die Nachricht von irgendwo bekommen, dass Rathenow ein paar Tage verhaftet war. Das ist für dich Beweis genug, für dichterische Größe.“ - keine Reaktion. Samson war im vergangenen Jahr (1981) in der DDR. Mit dem deutschen Staatstheater. Er hat keine gute Meinung über uns. Er sagt: „Hätte man vor vier Jahren die Rumäniendeutschen befragt, ob sie in die DDR ausreisen wollen, hätten 80 % zugestimmt. Heute keiner mehr, weil es in der DDR abwärts geht.“ [...] operativer Mitarbeiter [gez.] Trost
Notiz Im Zusammenhang mit Samson Horst informiert die Quelle: Am 7. Juni ’82 kam Erich Kriemer, ein Schriftsteller aus der DDR, der Rumänien besucht, zur Quelle und teilte mit, „heute war ich in der NBZ(15) -Redaktion und habe dort Samson getroffen, der mich zu sich nach Hause eingeladen hat, folglich gehen wir heute Abend zu ihm.“ Bei Samson Horst auf der Calea Aradului waren anwesend Samson Horst - Samson Edda (seine Frau), Erich Kriemer, Mark Hilde (Kriemers Übersetzerin aus Bukarest, von der Neuen Literatur), Josef Reisenauer (Redakteur NBZ), seine Freundin, eine Lehrerin aus Lenauheim (die Quelle hat deren Namen nicht behalten), Helga Schleich und die Quelle. Gleich nachdem sie angekommen waren, hat Samson Kriemer gefragt: „Herr Kriemer, wie ist es möglich, dass die DDR ihre wertvollsten Schriftsteller ins Exil in die BRD schickt?“ Kriemer: „Ich kann diesen Sachverhalt nicht so beurteilen, in meinem Land leben noch sehr viele Schriftsteller und wertvolle Dichter, aber es scheint, dass bei euch hier nur jene angesehen sind, die Skandal und Wirbel machen. Sie sollen wissen, lieber Samson, mir gefallen solche Schriftsteller nicht, die nicht aufgrund ihrer Werke, sondern wegen des Skandals wichtig werden.“ Samson: „Es scheint, dass unser Geheimdienst sich jetzt nach euch richtet. Bei mir haben sie eine Hausdurchsuchung gemacht, und wäre nicht Berwanger gewesen, dann glaube ich, würde ich jetzt im Knast sitzen. Man sprach geradezu von 15 bis 20 Jahren Gefängnis. Uns schicken sie nicht in die BRD, uns sperren sie ein. Gut, dass Berwanger uns da rausgehauen hat!“ Es kam im Gespräch auch die Rede auf die Zeitschrift „Neue Literatur“: Samson: „Es geht das Gerücht um, dass die NL verschwinden wird. Dann haben wir, die deutschen Schriftsteller aus Rumänien, wirklich nichts mehr hier zu suchen. Es ist wahr, dass die Führung dieser Zeitschrift sehr schwach ist, sie müsste gewechselt werden. Auf jeden Fall, wenn die Zeitschrift aufgegeben wird, werden wir einen gemeinsamen Appell an Ceausescu verfassen, ich bin sicher, es werden mindestens 25 Unterzeichner. Im Grunde genommen werden wir doch nicht immer mit allen Dummheiten einverstanden sein, die oben begangen werden.“ Über die NBZ sagte Samson: „Es ist im Grund genommen eine sehr schwache Zeitung, aber der kulturelle Teil ist sehr gut, weil engagierte, kritische Texte veröffentlicht werden. Das ist das Verdienst von Berwanger, der sich einfach nicht von den Neostalinisten beeinflussen lässt. Berwanger hat keine Angst, vermutlich hat er gute Beziehungen auch nach oben, aber auch in den Westen, die – falls ihm etwas passieren würde – ihm sofort zur Hilfe springen würden, und ich glaube nicht, dass das Regime Ceausescu daran interessiert ist, dass im Westen ein Artikel über die Unterdrückung der Intellektuellen in Rumänien erscheint.“ Die Quelle hebt hervor, Samson habe alle diese Einschätzungen von sich gegeben, ohne dass ihn jemand danach gefragt hätte, oder ohne dass jemand zuvor seine Meinung dazu gesagt hätte. Er redete ununterbrochen, lobte sich dauernd. Zur Quelle sagte er: „Schau sie Dir doch an, diese Schultheiße, die einen Fußtritt in den Hintern bekommen haben (die Rede ist von den Lehrkräften, die entlassen wurden). Sie sind eine Herde von Schafen, mit denen man alles machen kann, was man will. Es sind Arschlöcher, Angsthasen. Die einzigen, die kämpfen, das sind wir Schriftsteller.“ Auch von dem „Transzendentalen Vorfall“(16) war die Rede: Samson: „Man sucht Lückenbüßer für die elende Lage, in der wir uns befinden. So haben die Sekuristen die Transzendentalen entdeckt.“ Sehr viel wurde über Literatur diskutiert, vor allem über theoretische Fragen, über Poesie und Prosa. Kriemer erzählte viel über DDR-Literatur, über ihre Züge und künstlerische Bedeutung. Um Mitternacht ging die Quelle nach Hause, aber Kriemer und die Übersetzerin sind zusammen mit den anderen noch bei Familie Samson geblieben. Temeswar, 11.06.82 Voicu ___________________
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der fremde Staatsbürger wurde uns noch
nicht als auffällig gemeldet AUFGABEN - mit Samson Horst diskutieren, um festzustellen, was für Angaben er zu dem von uns beschlagnahmten Material sowie über die Maßnahmen gegen Totok Wiliam macht - feststellen, ob Samson noch andere feindliche Briefe oder Übersetzungen besitzt und was er mit ihnen vorhat MASSNAHMEN Diese Notiz wird der Führung vorgelegt. [gez.] Oberstleutnant Paduraru [und ein zweiter Securitate-Mitarbeiter] Fußnoten: (1)
Dieser Beitrag erschien zuerst in der
Berliner
Zeitschrift „Horch und Guck“ 17(2008)4
(= Heft 62), S. 50-53, und wurde uns
für den „Kulturraum Banat“ vom
Autor freundlicherweise zur Verfügung
gestellt. Siehe auch: http://www.horch-und-guck.info/hug. WILLIAM TOTOK (nach oben) 03.10.2009
Rückblende 1970
In meinem Buch „Die Zwänge der Erinnerung. Aufzeichnungen aus Rumänien", Junius Verlag, Hamburg 1988, versuchte ich aus der Perspektive eigener Erfahrungen mit dem Securitateapparat die mich betreffenden Ereignisse aus der Zeit von 1970 bis 1987 zu beschreiben. Teils stützte ich mich auf eigene Erinnerungen, teils auf Dokumente, die sich in meinem Besitz befanden. Kurz nach meiner Entlassung aus der Haft, machte ich bereits 1976-77 erste Notizen, dann folgten Gedächtnisprotokolle und schließlich der Entwurf zu einer Schrift, der ich den Arbeitstitel "Projekt für eine intellektuelle Extermination. Dokumente der Strafsache 321/B/1975" gab. Einen Durchschlag hatte ich in einem sicheren Versteck untergebracht, das Original, das ich 1982 bearbeiten und fertigstellen wollte, fiel in die Hände der Securitate. Dies nach einer gut durchdachten Aktion, in der "Voicu" als Lockvogel die Hauptrolle spielte. Ahnungslos tappte ich damals in eine Falle. (Siehe das 2. Dokument, vom 25.12.1981, http://halbjahresschrift.blogspot.com/2009/08/operationen-der-securitate-1974-1981_10..html) Eine ergänzte Fassung des Buches mit neuen Dokumenten und einigen Interviews (mit einem Mitglied der literarischen Expertenkommission, dem zuständigen Militärstaatsanwalt http://www.halbjahresschrift.homepage.t-online.de/radu1.htm#Burca und einem hochrangigen Securitateoffizier) ist in rumänischer Sprache unter dem Titel „Constrângerea memoriei. Însemnari, documente, amintiri", (Gedächtnisnötigung. Aufzeichnungen, Dokumente, Erinnerungen) Polirom Verlag, Iasi 2001, erschienen. Was in den beiden erwähnten Büchern steht, kann jetzt anhand der Securitateakten vervollständigt werden. Einige Namen von Securitateoffizieren, die ich seinerzeit nicht richtig verstanden habe, können jetzt korrigiert werden. Auch der Name des Securitateoffiziers, dem ich zum ersten Mal in meinem Leben 1970 leibhaftig begegnet bin. Als er sich vorstellte, glaubte ich, den Namen Topliceanu gehört zu haben. In Wirklichkeit hieß er jedoch Dobriceanu. In meinen beiden oben erwähnten Büchern beschreibe ich die Umstände dieser Begegnung folgendermaßen:
„Wegen eines Briefes, den ich an einen ausländischen Radiosender geschrieben hatte, wurde ich während der Reifeprüfung zum ersten Mal zum Sicherheitsdienst zitiert. Ein gewisser Topliceanu [sic!] sagte während der Vernehmung kein einziges Wort über den wahren Grund meiner Vorladung. Da der Brief anonym abgeschickt worden war, aber vom Sicherheitsdienst auf der Post beschlagnahmt wurde (unter Verletzung der Bestimmungen der rumänischen Verfassung, die das Briefgeheimnis garantiert), musste der Täter anhand der Schriftproben identifiziert werden. Mir war klar, worum es eigentlich ging (...). Im Herbst 1970 wurde ich erneut zum Sicherheitsdienst bestellt. Diesmal in die Zentrale nach Temeswar, offiziell als Kreisinspektorat Temesch des Innenministeriums bezeichnet, wo mich ein Hauptmann namens Dumitrescu etwa acht Stunden im Zusammenhang mit dem anonymen Brief verhörte. Erst nachdem ich ein schriftliches Geständnis abgelegt hatte, durfte ich wieder gehen. (...) Am 22. Oktober bekam ich den Einberufungsbefehl. Nachdem ich meinen Militärdienst angetreten hatte, erschien Dumitrescu im Hause meiner Familie und beschlagnahmte meine Gedichte. Erst sechs Monate später gab er sie mir wieder zurück. [Um welche Gedichte es sich handelte, kann ich nicht sagen, weil ich zu jenem Zeitpunkt beim Militär war. Vielleicht befanden sich darunter auch jene ersten Versuche aus meiner Gymnasialzeit, die „Gruia" begutachtete und die in dem operativen Vorgang „Muzicologul" analysiert werden. - Anm. W.T.] Während meiner Soldatenzeit in einer Artillerieeinheit in Baia Mare (in der Maramuresch) verhörte mich im Zusammenhang mit dem Brief mehrere Male ein als Artillerist verkleideter Securitate-Offizier. Ich musste mehrere schriftliche Geständnisse ablegen. Im Februar 1971 [eigentlich am 16. März 1971, wie ich jetzt den Akten entnehme - Anm. W.T.] kam es dann zu einer öffentlichen Verhandlung, zu der das ganze Regiment erscheinen musste. Nach einem vom Sicherheitsdienst ausgetüftelten Szenarium wurde ich als Staatsfeind 'entlarvt' und aus dem Verband der Kommunistischen Jugend (VKJ), dem ich seit 1965 angehörte, als politisch unzuverlässig ausgeschlossen."
(Vgl. Die Zwänge der Erinnerung, S. 61-62)
Wie umfassend die von der Securitate 1970 eingeleiteten Maßnahmen zur Identifizierung des Briefschreibers waren, konnte ich mir eigentlich gar nicht vorstellen. Nachdem die Securitate die Briefe - es waren nämlich zwei, vielleicht sogar auch mehrere - abgefangen hatte, wurde eine regelrechte Rasterfahndung eingeleitet, um den Autor zu entdecken. Die Fahndung schloss auch Verdächtige aus anderen Kreisen ein, die jeweiligen Securitatebezirksabteilungen wurden in Marsch gesetzt, es wurden Schriftproben eingesammelt und mit meinen Briefen verglichen. Als potentielle Urheber des Briefes, der an Radio Free Europe gerichtet war, verdächtigte man zuerst Studenten und Lehrkräfte meines Gymnasiums; es wurden Listen angefertigt und Mitglieder einer Rockgruppe unter die Lupe genommen. Weitere Schriftproben wurden von zahlreichen Mitschülern gesammelt. Von mir hatte man zusätzlich zwei Hefte mit Klausurarbeiten aus der Schule mitgenommen, die sich in meiner Akte (dem ersten operativen Vorgang „Muzicologul") befinden. Später dehnten sich die nachrichtendienstlichen Ermittlungen auch auf die damaligen Redaktionsmitglieder einer Studentenbeilage aus, die zusammen mit der „Neuen Banater Zeitung" vertrieben wurde. Unter den Mitarbeitern dieser Studentenbeilage taucht auch zum ersten Mal „Voicu" auf, allerdings mit seinem Klarnamen. Ursprünglich sollte alles mit einem Strafverfahren enden. Dazu kam es jedoch nicht. Im Rahmen einer nach stalinistischem Vorbild organisierten öffentlichen Entlarvungssitzung wurde ich aus dem kommunistischen Jugendverband ausgeschlossen. Während der vorangegangenen Verhöre wurde ich fotografiert, denn in einer Militärzeitung sollte als abschreckendes Beispiel eine Reportage über meinen Fall erscheinen. Meines Wissens hat man letztlich auf eine publizistische Darstellung des Vorgangs verzichtet. Der Fotograf des Regiments war ein Soldat, mit dem ich befreundet war. Er steckte mir damals zwei Fotos zu, die er entwickelt und ausgearbeitet hatte und die für das Blatt bestimmt waren. Auf diese Weise kam ich zu dem Foto, das in meinen oben erwähnten Büchern veröffentlicht ist. Darauf bin ich an einem Schreibtisch sitzend, zusammen mit dem Offizier zu sehen, der mich damals verhörte. William Totok http://halbjahresschrift.blogspot.com/
Am 7. und 8. Dezember 2009 fand die nternationale Tagung des IKGS in München statt (nach oben) Rumäniendeutsche Literatur im Spiegel und Zerrspiegel der Akten des rumänischen Geheimdienstes „Securitate“ Veranstalter: Das Symposium fand in Zusammenarbeit mit dem rumänischen Nationalen Rat zur Aufarbeitung der Securitate-Archive (Consiliul National pentru Studierea Arhivelor Securitatii-CNSAS) in der Sudetendeutschen Stiftung statt (Hochstraße 8, 81669 München). Tagungsteilnehmer: Nach Grußworten der Generalkonsulin von Rumänien in München, Brândusa Ioana Predescu, und von Prof. h. c. Dr. Konrad Gündisch im Auftrag des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien werden folgende Referenten vortragen: Univ.-Doz. Dr. Ladislau Antoniu Csendes (Bukarest): Totalitarismul din România Univ.-Doz.
Dr. Virgiliu Leon Târau (Bukarest): Problema germana în
arhivele Dr.
Silviu B. Moldovan (Bukarest): Viziunea Securitatii asupra statutului Cristina Anisescu (Bukarest): Dirijarea informatorilor în mediul scriitorilor de limba germana - metode de lucru ale Securitatii [Die Führung der Informanten im Bereich der deutschsprachigen Schriftsteller – Arbeitsmethoden der Securitate]; Dr. Georg Herbstritt (Berlin): Doppelt überwacht: Warum sich neben der Securitate auch die DDR-Staatssicherheit mit rumäniendeutschen Schriftstellern befasste. Rationale Annäherung an ein irrationales Phänomen; Prof. h. c. Dr. Stefan Sienerth (München): Operative Vorgänge im Problemfeld „Deutsche Faschisten und Nationalisten“. Anmerkungen zu den Aktionen „Epilog“ und „Scutul“ in den Jahren 1971-1976; Dr.
h. c. Hans Bergel (München): Franz Hodjak (Usingen): Ein Spatz und etliche Kanonen. Ein Staatsfeind blickt mich ungläubig aus meiner Securitate-Akte an; Prof. h. c. Dr. Peter Motzan (München): Weder Dissident noch Denunziant. Ein Literaturkritiker im Visier der Securitate; Gerhardt
Csejka (Frankfurt am Main): Ich habe den Klassenfeind erkannt. Richard
Wagner (Berlin): Kontaktaufnahme oder wie ich einmal die Securitate positiv beeinflussen wollte und dabei
positiv William
Totok (Berlin): Zwanzig Jahre lang im Visier der Securitate Dr. Anton Sterbling (Görlitz): Die Reschitzaer Akten und Fragen der Aktenlücken; Horst
Samson (Neuberg): Dichter und Wahrheit – ein arabisches Märchen
vom Johann
Lippet (Heidelberg): Fünf Gedichte aus der „Neuen Banater
Zeitung" vom Helmuth
Frauendorfer (Leipzig): Hellmut
Seiler (Remseck): Nach
Tagungsschluss unterzeichneten die Tagungsteilnehmer folgende Resolution: (nach
oben) RESOLUTION der IKGS-TAGUNG in MÜNCHEN Wir, die Teilnehmer der internationalen Tagung „Deutsche Literatur in Rumänien im Spiegel und Zerrspiegel der Securitate-Akten“ vom 7. und 8. Dezember 2009 in München, begrüßen es, dass sich Rumänien zur Aufarbeitung seiner Geschichte bekennt und auch den Kontext des verbrecherischen Wirkens des Geheimdienstes Securitate mit einbezieht, der als Werkzeug der Diktatur und des menschenfeindlichen Regimes eine maßgebliche Rolle zur Absicherung des Machtapparates gespielt hat. Dieser bedeutsame ANSATZ zur Aufarbeitung des Unrechts und des kriminellen Handelns soll dazu beitragen, dass sich ein solches Gewaltregime nicht wiederholt. Wir bewerten die Aktivitäten der CNSAS, des Nationalrates zur Aufarbeitung der Securitate-Akten, trotz defizitärer Praktiken als ein Signal und ein Angebot der Versöhnung, das an die vielen Opfer des repressiven Systems adressiert ist, jenes Systems, das in organisierter Form die Zersetzung der bürgerlichen Freiheit und des offenen Wortes betrieben hat. Dieser richtige Impetus der Aufklärung darf aber nicht bei dem bisher Erreichten enden und in rhetorischen Gesten versanden. Licht, das ist nicht nur Helligkeit und Verblendung, sondern Aufklärung und Wissen. Wir sind der Meinung, dass Rumänien im Namen der Opfer eine Bringschuld hat, die es unverzüglich einzulösen gilt. Eine Fortsetzung der Verschleierung und Hinhaltetaktik ist unerträglich und muss sofort aufhören. Die Hintermänner und Drahtzieher, aber auch die Exekutanten des Unrechtes sind zur Verantwortung zu ziehen. Für uns, die Teilnehmer an dieser Tagung, steht fest, dass in sehr vielen Fällen bei den Akten-Offenlegungen die Namen der Informanten und Offiziere nicht preisgegeben werden. Dadurch werden Verfolgte des Regimes mit den Schandtaten vor einem Vorhang des Schweigens und Verschweigens ein weiteres Mal verhöhnt. München, 08.12.09 Rheinpfalz, 21.1.10 (nach oben) Geheimdienst zu Besuch War der Lambsheimer Franz T. Schleich Securitate-Spitzel „ Voicu"? - Zwei Opfer-Akten sprechen dafür
War der rumäniendeutsche Journalist und Schriftsteller Franz T. Schleich (62) „ Voicu", ein Spitzel des rumänischen Geheimdienstes Securitate? „Report Mainz" behauptet das. Schleich indes, der heute im pfälzischen Lambsheim wohnt, bestreitet die Vorwürfe (RHEINPFALZ vom 13. Januar). Jetzt sind neue Belege aufgetaucht - sie sprechen gegen Schleich. Prominentestes Opfer von „ Voicu" war Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. Aber auch über Richard Wagner, Ex-Mann von Herta Müller, sowie die Schriftsteller Horst Samson und William Totok gibt es Spitzelberichte von ihm. Steckt Schleich dahinter? Der in Berlin lebende William Totok (58) ist sich jedenfalls sicher. Er hat der RHEINPFALZ jetzt einen Bericht aus dem Jahr 1975 in rumänischer Sprache zur Verfügung gestellt. Gefunden hat er ihn in seiner Securitate-Opfer-Akte. Darin berichtet „ Voicu" über die in der Kleinstadt Jimbolia/Hatzfeld zirkulierenden Gerüchte über Gunter Totok, William Totoks Bruder: „Als ich am 17. Juli in Hatzfeld war und mich mit Schenk (leitender Angestellter in einem örtlichen Unternehmen - d. Red.) unterhielt, erfuhr ich folgendes über Günther Totok (andere Schreibweise - d. Red.): Er soll in seiner Militäreinheit verhaftet worden sein, weil er eine Sendeanlage entwenden wollte, um Verbindung mit Radio Freies Europa aufzunehmen, wohin er Gedichte seines Bruders William Totok übertragen wollte." In den Augen des Regimes war das ein staatsfeindlicher Akt. Franz T. Schleich war damals als Redakteur der „Neuen Banater Zeitung" zuständig für Hatzfeld. Auch der heute in Hessen lebende Schriftsteller Horst Samson (55) ist überzeugt, dass Schleich ihn als „ Voicu" ausspioniert hat. Übersetzungen aus Samsons Securitate-Akte liegen der RHEINPFALZ vor. Unter anderem wird darin vom Besuch des DDR-Schriftstellers Erich Kriemer im Juni 1982 bei Samson und seiner Frau zuhause in Temesvar berichtet. Anwesend dabei: Franz T. Schleich. Der Bericht, gerichtet an einen Securitate-Offizier namens Padurariu, stammt jedenfalls von „ Voicu". Darin heißt es unter anderem, dass Gastgeber Samson zu Kriemer gesagt habe: „Es scheint, dass unser Geheimdienst sich jetzt nach euch richtet. Bei mir haben sie eine Hausdurchsuchung gemacht, und wäre nicht Berwanger (Chefredakteur der „Neuen Banater Zeitung" - d. Red.) gewesen, dann glaube ich, würde ich jetzt im Knast sitzen." Samson ergänzt dazu heute: „Die Führung des Geheimdienstes vermerkt mit Rotstift auf Seite 1, Ecke oben links: ,Samson ist ein feindliches Element. Er soll mit allen Mitteln bearbeitet werden, über die wir verfügen ..."" Schriftverkehr zwischen Horst Samson und Franz Schleich (nach oben) An Lieber Franz, ich
war im April eine Woche lang in Bukarest und durfte dort, im Consiliul
National pentru Studierea Archivelor Securitatii( C.N.S.A.S.),d
ie Akten wälzen,d
ie von der Securitate über
mich angelegt wurden. Dabei stolperte ich auch über Deine Berichte
unter dem Decknamen Voicu. Ich war wie vom Blitz getroffen und bin maßlos enttäuscht.
Es ist alles so lange her, doch ich möchte verstehen, warum und
aus welchen Zwängen heraus Du das getan hast. Mit besten Grüßen warte ich auf Deinen Brief. Horst
Herrn Lieber Horst, ich war eigentlichn icht überraschta, ls ich heuteD eine Zeilenvom2T. Juni 2008 bekommen habe,w eil esj a nur eine Frage derZ eit war, bis auchm ich die Securitate- Krake einholen würde. Zu der ganzen Geschichte, die wahrlich schon lange her ist, von meiner Seite aus soviel: Der Name ,,Voicu" sagt mir überhaupt nichts. Nach einem Vierteljahrhundert ein Securitate- Spinnennetzyon Gerüchten, Lügen, Verneblungen, Fälschungen und Fakten aufzuklären und zu beurteilen, ist fast eine Sache der Unmöglichkeit - die Wahrheit, bitter oder befriedigend, bleibt immer auf der Strecke. man kann sich ihrer niemals sicher sein. Das ist meine feste überzeugung. Darum bin ich bis heute zu meiner Akteneinsicht nie nach Temesvar. Bukarest oder Berlin gefahren, obwohl ich dant auch gerechtfertigte Gründe hätte. Erwähnen muss ich aber, dass mir einige einstigeW eggeführtenE inblicke in ihre Dossiersd arüberg ewährten,w as sie einst über mich geschriebenh aben. Ich habed aszur Kenntnis genommen. Mehr nicht. Mit den besten Wünschen Dir und Deiner Familie Franz Th. Schleich
An 4. Juli 2008 Lieber Franz, vielen
Dank für Deine E-Mail, auch wenn sie weitläufig an meinem
Anliegen vorbei geht. Mit besten Wünschen an Dich und Helga, Horst Juristische
Aufarbeitung von Unrecht (nach oben) Die Erfahrungen mit der juristischen Aufarbeitung von Stasi-Unrecht in
Deutschland Gelegentlich wird in letzter Zeit die Frage aufgeworfen, ob gegen Securitate-Informanten unter den Rumäniendeutschen nicht auch rechtliche Schritte eingeleitet werden können. Die Erfahrungen, die man in den vergangenen zwanzig Jahren in Deutschland hinsichtlich der Stasi-Mitarbeiter gemacht hat, legen aber die Antwort nahe, dass rechtliche Schritte kaum ein geeignetes Mittel sind, um die Problematik von Geheimpolizei und Bespitzelung befriedigend aufzuarbeiten. Das bedeutet, die Auseinandersetzung mit diesem Teil der jüngsten Geschichte muss sich auf andere Aspekte konzentrieren: auf moralische, historische und gewiss auch auf persönliche Aspekte. Und das ist nicht einmal das schlechteste. Die deutsche Justiz hat in den 1990er Jahren große Anstrengungen unternommen, um Stasi-Unrecht strafrechtlich zu ahnden. Dabei hat sie auch gegen frühere inoffizielle Mitarbeiter (IM) der DDR-Staatssicherheit ermittelt. Hierbei taten sich aber verschiedene Probleme auf. Eines bestand darin, dass die Spitzeltätigkeit an sich keine strafbare Handlung darstellte. Außerdem gab es verschiedene juristische Besonderheiten zu beachten. Alles in allem wurden in den 1990er Jahren nur 42 frühere IM angeklagt, und nur wenige von ihnen wurden am Ende verurteilt. Verurteilt wurden beispielsweise einige wenige Ärzte und Rechtsanwälte, die als IM Informationen über ihre Patienten oder Mandanten an das MfS weitergaben. Sie hatten sich der Verletzung von Privat- und Berufsgeheimnissen strafbar gemacht. Zu einzelnen Verurteilungen kam es auch in solchen Fällen, wo der Verrat von Fluchtvorhaben oder die Denunziation regimekritischer Handlungen zu Inhaftierungen geführt hatte. Nur zwei IM mussten überhaupt eine Haftstrafe antreten: der eine wurde wegen dreifachen Mordversuchs verurteilt, der andere wegen Beihilfe zum versuchten Mord. Von den hauptamtlichen Stasi-Mitarbeitern wurden in den 1990er Jahren 182 angeklagt, aber auch bei ihnen fällten die Gerichte äußerst milde Urteile. Alles in allem endeten zwei Drittel der Strafverfahren gegen hauptamtliche oder inoffizielle Stasi-Mitarbeiter entweder mit Freispruch oder ohne ein Urteil. Nur ein MfS-Offizier musste eine Haftstrafe antreten, ihm wurde Beihilfe zum Mord im Zusammenhang mit dem Sprengstoffattentat auf das „Maison de France“ in West-Berlin 1983 zur Last gelegt. (Außerhalb der Betrachtung bleibt hier der Bereich der Spionage: über 360 frühere Bundesbürger, die als „West-IM“ für die DDR-Geheimdienste im Westen spioniert hatten, wurden in den 1990er Jahren zu Geld- oder Haftstrafen verurteilt; rund 60 von ihnen mussten tatsächlich eine Haftstrafe antreten. Die meisten Spionagedelikte verjähren nach fünf Jahren, lediglich der Verrat von Staatsgeheimnissen („Landesverrat“) verjährt erst nach zwanzig Jahren. Folgt man den veröffentlichten Jahresberichten des Bundesamtes für Verfassungsschutz, so kann man davon ausgehen, dass Rumänien seit Ende der 1990er Jahre nicht mehr nachrichtendienstlich in Deutschland aktiv ist. Denkbare Spionagedelikte sind deshalb größtenteils verjährt.) Für den Umgang mit dem kommunistischen Erbe Rumäniens dürfte der Rechtsweg in Deutschland weitgehend ausgeschlossen sein. Und selbst wenn sich der Rechtsweg in bestimmten Fällen doch als gangbar erweisen sollte, dürfte er kaum zum erhofften Ziel führen, wie die Erfahrungen mit der juristischen Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit in Deutschland zeigen. Umso wichtiger sind deshalb andere Formen im Umgang mit der jüngsten Geschichte: öffentliche Debatten und persönliche Gespräche zu führen gehören ebenso dazu wie gesicherte historische Erkenntnisse zu erarbeiten. Quelle: http://halbjahresschrift.blogspot.com/2010/02/juristische-aufarbeitung-von-unrecht.html Literaturhinweise: Schißau, Roland: Strafverfahren wegen MfS-Unrechts. Die Strafprozesse bundesdeutscher Gerichte gegen ehemalige Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Berlin 2006. Marxen,
Klaus; Werle, Gerhard; Schäfter, Petra: Die Strafverfolgung
von DDR-Unrecht. Fakten und Zahlen. Berlin 2007 (online abrufbar unter
https://www.stiftung-aufarbeitung.de/publikationen/files/strafverfolgung.pdf). |