Russland-Verschleppung


Wilhelm Weber

Zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion, weil sie Deutsche waren

Vergessene Rumäniendeutsche

Das traurigste Kapitel in der Geschichte der Rumäniendeutschen – Banater Schwaben und Siebenbürger – Sachsen – bildet die Deportation zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion, die sich in diesen Tagen zum 50. Mal jährt. Unser Leser Wilhelm Weber aus Bielefeld hat diesen Bericht zusammengestellt. Dabei greift er auf die Erinnerungen anderer Leidensgenossen zurück.

Infolge des Frontwechsels Rumäniens am 23. August 1944 begann für die nach 1943 noch 470.000 Rumäniendeutschen die schwerste Zeit ihrer Geschichte. Nicht genug damit, dass im Jahr zuvor 60.000, laut eines Staatsvertrages zwischen Deutschland und Rumänien, zum deutschen Militär einrückten, wurde im Januar 1945 über 75.000 arbeitsfähige Männer und Frauen bestimmter Altersgruppe zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert. Zurück blieben alte Leute und Kinder, oft Kleinkinder, die ohne Väter und jetzt auch ohne Mütter waren, und wenn sie Glück hatten, von Verwandten oder Bekannten aufgenommen wurden. Alle Zurückgebliebenen hatten ein schweres Los zu ertragen, denn außer Plünderungen und anderen Schikanen wurden ihnen im März 1945 der Feldbesitz, die Häuser, das Großvieh und die landwirtschaftlichen Maschinen und Geräte enteignet. In ihren Häusern mussten sie zugezogene Rumänen aufnehmen; die sich dann oft als Herr im Hause fühlten und dies den gewesenen deutschen Besitzer auch spüren ließen.

Plünderung und Schikane

Von den 75.000 Deportierten starben 15 Prozent, also mehr als 11.000 Personen in den sowjetischen Zwangsarbeitslagern in der Ukraine und beiderseits des Ural, wo sie unter unmenschlichen Bedingungen wohnen und zumeist in Bergwerk arbeiten mussten.
Was sie, ohne eine Schuld auf sich geladen zu haben, erdulden mussten, nur weil sie Deutsche waren, soll anhand der folgenden Schilderungen gezeigt werden:
Am 14. Januar 1945, es war ein Sonntag, um 5 Uhr früh, wurde mit Gewehrkolben an unsere Haustür geschlagen und auch gerufen, die Tür sofort zu öffnen. Draußen standen rumänische Soldaten. Sie sagten meiner Mutter, sie hätte eine 19-jährige Tochter und die müsse um 9 Uhr im Kulturheim sein mit Verpflegung für 14 Tage, mit Kleidern und Wäsche. Als Schlusssatz wurde darauf hingewiesen, dass man keinen Fluchtversuch unternehmen solle, denn das ganze Dorf sei umstellt.
Wir mussten in Marschkolonnen auf der Straße antreten und der Zug setzte sich in Bewegung, rechts und links eskortiert von rumänischen Soldaten. Umsehen durfte man sich nicht. Tat man es dennoch, bekam man den Gewehrkolben in die Rippen.
Am 17. Januar wurden wir anhand von Listen russischen Offizieren übergeben. Mit russischen Militärlastkraftwagen wurden wir zum Bahnhof gebracht und in Viewaggons verladen und zwar so viele, wie man hineinstecken konnte. Die Luken waren vergittert, mit Stacheldraht verflochten und jeder Waggon wurde, nachdem er voll war, abgesperrt. In den Boden des Waggons war ein Loch geschnitten, so dass wir unsere Notdurft öffentlich verrichten mussten.
Männer und Frauen waren zusammengepfercht, so dass man mit angezogenen Knien sitzen musste. Morgens um 4 Uhr fuhren wir los und nahe der Grenze wurden wir unter sehr strenger Bewachung in russische Viehwaggons zu 80 Personen je Waggon verladen. Oft standen wir stundenlang auf Bahnhöfen, so dass sich die Fahrt sehr verzögerte und wir bereits ganz verkommen aussahen, weil wir uns nicht waschen und keine Wäsche wechseln konnten. In den Waggons stank es fürchterlich und es gab bereits die ersten Läuse, aber auch schon die ersten Toten.
Nach 19 Tagen Fahrt, am 5. Februar 1945, hielt unser Zug auf einem toten Gleis. Wir mussten hinaus, dann wurde unser Gepäck aus den Waggons geworfen.
Dann wurden wir angeschrien und gestoßen. Endlich hatten wir verstanden, dass wir uns in Marschkolonne aufstellen sollten. Unter strenger Bewachung kamen wir nach einem zweistündigen Marsch, wobei wir unser Gepäck tragen mussten, im Hauptlager Kadiewea an. Ein großer Hof mit Baracken, umzäunt mit Stacheldraht. Es waren bereits Volksdeutsche aus Ungarn im Lager. Am anderen Morgen wurden wir Neuangekommenen auf den Hof getrieben und in Hundertschaften aufgestellt, auf vier Lager verteilt und in Marsch gesetzt. Es dürften so 20 bis 25 Kilometer gewesen sein, die wir zurücklegten, bis wir todmüde im Zweiglager Branka ankamen. Daneben war eine Kohlengrube. In einer Halle, deren Fußboden aus Beton war, wurden wir 160 Frauen und 100 Männer untergebracht.

Auf vereisten Brettern

Die Pritschen waren in drei Reihen übereinander angeordnet, die Bretter fingerdick vereist und durch das schadhafte Dach sah man in den Himmel – es gab kein Stroh und auch sonst keine Unterlagen. Zum Glück hatten wir uns Bettzeug mitgenommen, wickelten uns damit ein und legten uns so fest aneinander, so dass einer den anderen wärmte. Um 6 Uhr mussten wir aufstehen, Wasser gab es keines zum Waschen, aber so 100 Meter vom Gebäude war eine Latrine, durch eine Bretterwand für Frauen und Männer geteilt.
Nachdem Arbeitsbrigaden gebildet waren, sollten wir den Schacht wieder betriebsklar machen. Es wurde Tag und Nacht in Schichten gearbeitet und nachts oft bei 30 Grad Kälte. Man musste ständig in Bewegung bleiben, sonst wäre man erfroren. Es gab nur ganz primitive Werkzeuge, wie Spitzhacke, Spaten, Schaufel und Brechstange. Die Essvorräte von zu Hause gingen zu Ende und man war nur auf das Essen vom Lager angewiesen, und das bestand aus dreimal Kraut– oder Gurkenbrühe, und mittags gab es einen Löffel Graupen und ein Stück saures, klebriges Brot, ab und zu mal ein kleines Stück Fisch. Es wurde immer schlimmer. Täglich mussten wir morgens und abends zum Zählappell antreten, wobei es oft vorkam, dass man stundenlang im Schnee oder Regen stehen musste, weil sich die Wachhabenden verzählt hatten. Unser Leben ging monoton weiter. Wir wurden immer kraftloser und verkauften durch russische Mittelsmänner auf dem Arbeitsplatz, was wir von unserer mitgebrachten Bekleidung entbehren konnten, um uns Brot kaufen zu können. Viele von uns taumelten nur noch und schon längst gab es Tote. Man war so abgestumpft, dass der Tod eines Menschen einen kaum noch berührte. Oft hatte man die Toten auch beneidet, aber den Mut, selbst Schluss zu machen, hatten nur wenige. Man hoffte immer noch auf eine Heimkehr.
Im Winter wurde es dann ganz schlimm, weil hygienische Bedingungen ganz fehlten. Das Ungeziefer, wie Wanzen und Läuse, nahm überhand. Dazu kamen dann noch Krätze, Typhus und Ruhr. Die Toten wurde immer mehr, die Lebenden immer weniger. Die Verstorbenen wurden entkleidet und ihre nackten Leichen hinausgefahren; ein bisschen verscharrt nur, weil der Boden metertief gefroren war. Im Frühjahr wurden sie in Massengräbern beigesetzt. 1946 ging ab und zu ein Krankentransport weg.
Im Sommer 1949 kamen wieder Gerüchte von der Heimfahrt auf. Im Oktober bei einem Appell verkündete unser russischer Lagerkommandant, dass wir nicht mehr in den neuen Fünfjahresplan aufgenommen werden, sondern noch im Laufe des Jahres nach Hause führen. Zur Bekräftigung nannte er einige Kriegsgefangenenlager in der Nähe, die bereits aufgelöst waren. Am 25. November war es dann soweit. Es wurde allen mitgeteilt, dass alle rumänischen Staatsbürger am 3. Dezember 1949 vom Sammellager Konstantinowka in ihre Heimat zurückgeführt werden und keiner das Recht hätte, in ein anderes Land zu fahren.

1951/52 heimgekehrt

Die letzten Deportierten aber, die kleinerer Vergehen wegen wie Kartoffelklauen verurteilt wurden, kehrten erst 1951 und 1952 heim. Zu Hause sahen sich die meisten Heimkehrer mit neuen Problemen konfrontiert, denn ihr Vermögen und ihre Häuser waren inzwischen enteignet und von rumänischen Zuwanderern besetzt worden. Viele waren auch an Leib und Seele krank und die Familien auseinandergerissen.
Heute wird in Deutschland vieles über Deportation gezeigt. Aber der Leidensweg der Rumäniendeutschen wird totgeschwiegen. Wir haben gelitten, weil wir als Volksdeutsche für Deutschland mitbüßen mussten.

Erschienen im Bielefelder WESTFALEN-BLATT im Januar 1995


Elisabeth Packi, Berlin 2005

Historisch-politische Hintergründe der Deportation

Das Jahr 1945 bedeutete nicht nur das Ende des 2. Weltkrieges, sondern auch den Beginn des Leidensweges der Deutschen in Ost- und Mitteleuropa. Nach Angaben der „Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa“ wurden mehr als 350.000 deutsche Zivilisten zum Arbeitseinsatz in die Sowjetunion verschleppt. Betroffen waren alle Rumäniendeutschen, die Deutschen aus Ungarn, der Tschechoslowakei, Jugoslawien und die aus den deutschen Gebieten östlich von Oder und Neiße. Von den Verschleppten waren 130.000 Deutsche aus Südosteuropa. Aus Rumänien wurden 75.000 in die sowjetischen Arbeitslager deportiert. Nach den Aussagen des sowjetischen Außenministers, J. W. Maisky, waren für die Deportation „Kriegsverbrecher“ und „aktive Nazis“ zur „Wiedergutmachung, Bestrafung und Umerziehung der Deutschen“ vorgesehen. Tatsächlich wurden weitgehend Männer und Frauen, die keine direkte Verantwortung für den Krieg trugen, deportiert. Die Deportation war eine systematisch betriebene Aktion, die von der obersten sowjetischen Führung geplant und in allen deutschen Ostgebieten in gleicher Weise gehandhabt wurde.

Die Alliierten hatten auf der Konferenz in Jalta (4.-11. Februar 1945) den sogenannten „Reparationsleistungen“ („reparations in kind“) an die Sowjetunion zugestimmt. Dieser Begriff schloss außer Lieferungen Deutschlands aus der laufenden Produktion und den Demontagen deutscher Industrieanlagen auch die Verwendung deutscher Arbeitskräfte ein. Es war eine verschleierte Abmachung über Verschleppung, für die der britische Premier Winston Churchill und der US-amerikanische Präsident Franklin Roosevelt mitverantwortlich sind, da sie ihr zugestimmt haben. Sie legitimierten dadurch nachträglich die zum Großteil abgeschlossene Verschleppungsaktion in Rumänien, Ungarn und Jugoslawien und die laufende Deportation in Polen, Ostbrandenburg, Schlesien, Pommern, Ost- und Westpreußen. Warum die Sowjets nach Beendigung des Krieges die geplanten Massendeportationen in den besetzten Gebieten Deutschlands und Österreichs nicht fortgesetzt haben, ist nicht geklärt. Sie haben sich lediglich mit 26.000 Facharbeitern begnügt.

Kurze Vorgeschichte der Deportation in Rumänien

Am 23. August 1944 beendet König Michael I., ein Hohenzollernprinz, völlig unerwartet sein Waffenbündnis mit dem nationalsozialistischen Deutschland. Die königliche Palastgarde verhaftet Marschall Antonescu, Hitlers treuesten Verbündeten. Rumänien kämpft an der Seite der Alliierten weiter bis zur endgültigen Kapitulation Deutschlands. Die Sowjets überfluten das Land. Als die Deportation in Gang gesetzt wurde, war Rumänien aus Sicht der Alliierten ein „besetztes Land“. So schrieb Winston Churchill am 19. Januar an das Foreign Office [das britische Außenministerium]: „Wir dürfen nicht vergessen, dass wir versprochen haben, das Schicksal Rumäniens in der Hand der Russen zu belassen“. Infolge der von Winston Churchill und dem Sowjetdiktator Josef Stalin getroffenen und von den Amerikanern akzeptierten Vereinbarung war Rumänien 1945 Bestandteil des sowjetischen Imperiums. Die rumänische Regierung stand also praktisch allein da, ohne jegliche Unterstützung seitens der Alliierten. Es muss auch in Betracht gezogen werden, dass im Januar 1945 der Krieg noch voll im Gange war, und dass sowjetische Truppen auf dem gesamten Territorium Rumäniens stationiert waren. Die rumänische Regierung wurde vom sowjetischen Deportationsbefehl völlig überrascht. Erst am 6. Januar erfuhr die Regierung von General Nicolae Radescu – die letzte nichtkommunistische Regierung Rumäniens - offiziell von den Plänen der Sowjets. Am 16. Januar hat Premierminister Radescu eine Protestnote an General Vinogradov, den stellvertretenden Vorsitzenden der Alliierten Kontrollkommission, geschickt. In dieser Protestnote wies Nicolae Radescu auf „die Pflicht der rumänischen Regierung, die Interessen aller ihrer Untertanen ungeachtet ihrer ethnischen Abstammung zu schützen“ hin. Die Protestnote blieb allerdings ohne Erfolg.

Schon unmittelbar nach der rumänischen Kapitulation am 23. August 1944 war gelegentlich von einer bevorstehenden Deportation der Volksdeutschen die Rede. Es fanden allerorts Registrierungen der Deutschen statt. Neben anderen Reparationsleistungen forderte Stalin angeblich 100.000 rumänische Staatsbürger als freiwillige Arbeitskräfte für den Wiederaufbau seines Landes. Gegen Ende des Jahres verstärkten sich die Gerüchte über eine bevorstehende Verschleppung. Ende Dezember 1944 gingen einige Transporte mit Volksdeutschen aus Jugoslawien zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion. Die Verschleppung der Deutschen im Sathmar-Gebiet [im Nordwesten Rumäniens] begann schon am 2. und 3. Januar 1945. Am 10. und 11. Januar ist die Aktion in Siebenbürgen und Bukarest angelaufen.

Die Deportation verlief nach einem sorgfältig vorbereiteten Plan seitens der rumänischen Behörden in enger Zusammenarbeit mit den sowjetischen Besatzern. Die Ortseingänge wurden von Militär und Polizei abgeriegelt. Der Telefon-, Telegraf- und Eisenbahnverkehr wurde lahmgelegt. Es wurden Listen mit den Betroffenen erstellt. Gemischte rumänisch-sowjetische Patrouillen gingen von Haus zu Haus, um die Betroffenen auszuheben. Manche versuchten sich zu verstecken, doch die Drohung, Eltern oder Verwandte als Geiseln zu verhaften, zwang so manchen, sich freiwillig zu stellen. Die politische Haltung des Einzelnen spielte bei der Aushebung keine Rolle. Es reichte, Deutscher zu sein. So wurden selbst aktive deutsche Kommunisten oder Deutsche, die in der rumänischen Armee dienten, ausgehoben. Als die Aktion nach mehreren Wochen abgeschlossen war, waren 75.000 Volksdeutsche aus Rumänien deportiert.

Die Deportation in Billed im Banat

Am 14. Januar, es war ein Sonntag, zog das Militär mit Listen von Haus zu Haus und forderte alle Männer im Alter von 17 bis 45 und alle Frauen im Alter von 18 bis 33 Jahren auf, sich in der Schule zu versammeln. Übergriffe nach oben oder nach unten waren nicht selten. Nur Frauen mit Säuglingen unter einem Jahr blieben zu Hause. Die Ausgehobenen wurden angewiesen, Lebensmittel für 14 Tage und Kleidung mitzubringen. Wohin es gehen soll, erfuhren sie nicht.

Am nächsten Tag ging es zu Fuß in das 20 km entfernte Perjamosch. Das Gepäck wurde mit Wagen nachgebracht. Hier wurden die zu Verschleppenden wieder für ein paar Tage in der Schule einquartiert, bis die Transporte zusammengestellt waren. Je 30 Leute, Männer und Frauen, kamen in einen Viehwaggon, versehen mit Pritschen und einem Ofen. Für sonstige menschliche Bedürfnisse war ein Loch in den Boden gesägt. Als alles verladen war, wurden die Türen von außen verriegelt und der Zug setzte sich in Bewegung in Richtung Temeswar, wo zum ersten Mal gehalten wurde. Danach ging es in Richtung Siebenbürgen weiter bis nach Iasi. Unterwegs wurde in regelmäßigen Abständen angehalten, um Wasser nachzufüllen. In Iasi fand die Verladung in russische breitspurige Waggons statt. Noch immer wusste niemand, wohin es ging. Ab da waren 50-60 Leute in einem Waggon. Unsere Billeder Landsleute wurden vorwiegend in Arbeitslager in die südliche Ukraine gebracht, nach Stalino, Jenakjewo, Dnjepropetrowsk, Slowjansk und Tschasowjar. Aus unserer Heimatgemeinde wurden 517 Personen in die Sowjetunion zwangsverschleppt. Schon auf der Hinreise verstarben unsere Landsleute Franz Slavik, Josef Lauth und Hans Bohn.

Am Bestimmungsort angekommen, ging es zu Fuß ins Lager. Das Gepäck wurde transportiert. Danach wurden die Zimmer zugeteilt. Es waren etwa 40 Leute in einem Zimmer, versehen mit Etagen-Eisenbetten und einem gemauerten Ofen. In Jenakjewo schliefen je 2 Frauen in einem Bett, in Stalino gab es keine Strohsäcke und es wurde auf dem Brettergestell geschlafen. Die Pritsche war Schlafstelle und Sitzgelegenheit zugleich. Sie diente auch als Tisch. Die Pritsche war das einzige, was man sein eigen nennen konnte. Die unteren Schlafstellen waren am bequemsten. Um in die oberen Betten zu gelangen, musste man hinauf klettern. Dafür waren sie im Winter wärmer. Nach der Zuteilung der Zimmer ging es zu der Entlausung. Jeder musste seinen Beruf angeben und wurde einer Arbeit zugeteilt. Das Lager war von Stacheldraht umzäunt und über die vier Wachtürme ständig bewacht.

Zur Arbeit ging es in Marschkolonnen unter militärischer Bewachung. Die Arbeit fand unter schwersten Bedingungen, bei bis zu -40°C, auf dem Bau, in der Fabrik oder in der Kohlengrube statt. Am 9. Mai 1945 kam der Natschalnik [Aufseher] in der Früh und verkündete: „Dewotschki, wojna kaputt! Skoro pajedete domoj.“ [Mädchen, der Krieg ist zu Ende! Bald geht es nach Hause.] Doch es sollten noch viereinhalb Jahre verstreichen, bis dies in Erfüllung ging. Im Dezember 1946 ging der erste Krankentransport nach Hause. Erst dadurch erfuhren die Daheimgebliebenen, wohin ihre Angehörigen verschleppt worden waren und wie es ihnen ging.

Das Essen war von einer erschreckenden Eintönigkeit: morgens Tee mit der Brotration für den ganzen Tag, mittags Krautsuppe mit Kascha [Grütze] und abends wieder Krautsuppe. Tagaus, tagein Kohl. Wenn man ein Stück Kartoffeln in der Suppe fand, so war das eine Sondermeldung. Einziges Essbesteck war der Löffel. Für das Essen wurden monatlich Essensmarken ausgegeben. Der Handel mit den Essensmarken entwickelte sich zu einer regelrechten Börse. Für den Erlös kaufte man sich auf dem Markt andere Lebensmittel, um seine Ernährung abwechslungsreicher zu gestalten. Ein viel begehrter Artikel war Zucker. Meistens gab man dafür Brot oder Essensmarken. Die Brotration war verschieden und hing von der Schwere der Arbeit ab. Die normale Ration war 700 g, Schwerarbeiter erhielten 1.000 g, für Kolchosarbeit gab es 500 g. Das Brot war schlecht, zäh und nie richtig durchgebacken.

Die hygienischen Bedingungen waren katastrophal. Es wimmelte nur so von Ungeziefer: Läuse, Wanzen, Flöhe. Wasser und Seife waren Mangelware. Einmal pro Woche ging es ins Dampfbad zur Entlausung. Es wimmelte überall von Wanzen. Die Wand war übersät mit diesen ekelhaften Biestern. Am Tag hielten sie sich verborgen, aber sobald es dunkel wurde, krochen sie zu Hunderten aus ihrem Versteck hervor. Sich ihrer zu erwehren, war praktisch zwecklos. Sie quälten einen bis zum Morgengrauen.

Die seelischen Qualen waren das Schlimmste. Die Ungewissheit machte das Leid fast unerträglich. Hätte man gewusst, wie lange man bleiben musste, hätte man sich innerlich darauf einstellen können. Aber man wusste nicht einmal, ob man überhaupt noch einmal nach Hause kommen würde. Ab und zu kam ein Brief von zu Hause. So ein Brief bildete dann tage- und wochenlang das Gesprächsthema im Lager. Endlich wusste man, wie es den Daheimgebliebenen ging. Wie viel Ungewissheit und Zweifel konnten diese Briefe zerstreuen, wie viel Licht und Hoffnung in ungezählte Herzen pflanzen!

Der Tod war ein ständiger Begleiter im Lager. Immer wieder kam es vor, dass ein Kamerad starb. Die Sterbeziffer stieg ständig an. Die meisten starben wegen der Unterernährung an Wassersucht und Typhus. Etwa 15 % der Russlanddeportierten starben während der Deportation. Von Billed haben 76 Personen ihr Leben in den sowjetischen Arbeitslagern verloren. Ihnen zu Ehren wurde vor der Billeder Kirche eine Gedenktafel errichtet, in der die Namen aller in Russland Verstorbenen eingemeißelt ist. Oben im Bild: v.l.n.r.: Julius Hager, Josef Ballmann, Hans Gehl und Karl Packi beim Abschied von Hans Alexius, Stalino 1946.

Späte Rehabilitation

Am 16. Oktober 1990 fasste die rumänische Regierung den Beschluss, dem Parlament einen Gesetzesentwurf zur Entschädigung jener Personen, die unter der kommunistischen Diktatur verfolgt oder deportiert wurden, vorzulegen. In der Begründung hieß es: „Nach dem 23. August wurde eine große Anzahl rumänischer Staatsbürger deutscher Nationalität zur Zwangsarbeit in die UdSSR deportiert. Die Deportation erfolgte willkürlich, allein auf der Basis der Zugehörigkeit zur deutschen Minderheit […]. Diese diskriminierende, widerrechtliche Maßnahme aufgrund ausschließlich ethnischer Kriterien löste den Prozess der Auswanderung der Deutschen aus […].“
Aufgrund dieses Gesetzentwurfes wurde das Dekret Nr. 118 im Jahre 1990 erlassen, durch welches die Jahre der Zwangsarbeit und die der Deportation als Dienstjahre bei der Berechnung der Rente angerechnet werden, wobei jedes Haft- und Internierungsjahr als ein Jahr und sechs Monate Dienstzeit zählt.
Am 1. Mai 1997 hat sich der damalige rumänische Außenminister Adrian Severin bei dem deutschen Außenminister Klaus Kinkel für das Unrecht, das der deutschen Bevölkerung während der kommunistischen Diktatur zugefügt worden ist, entschuldigt. In dieser Erklärung verurteilte er sowohl das den Deutschen zugefügte Leid in der Nachkriegszeit wie die Verschleppung der Deutschen zur Zwangsarbeit in sowjetische Arbeitslager und die Deportation der Banater Schwaben in die Baragan-Steppe, wie auch den entwürdigenden Tauschhandel in den 70er und 80er Jahren, als erhebliche Finanzleistungen bei der Familienzusammenführung der ausreisewilligen Deutschen gefordert wurden, das so genannte "Kopfgeld". Dabei verurteilte er zutiefst diese traumatischen Praktiken und sprach seine Entschuldigung für das Geschehene aus "als eine Geste der moralischen Wiedergutmachung an jenen Bürgern Deutschlands, die früher Bürger unseres Landes waren, deren Schicksal von solchen verdammenswerten Taten bleibend geprägt ist." Diese von dem Außenminister abgegebene und schon längst fällige Erklärung wurde von den Betroffenen mit Genugtuung aufgenommen, kann jedoch das Geschehene nicht ungeschehen machen.

Danksagung:

Mit der Deportation nach Russland wurde ich schon in meiner Kindheit konfrontiert. Meine Mutter, Elisabeth Hehn, geborene Mann, wurde als 18-Jährige nach Jenakjewo deportiert, wo sie fünf Jahre verbrachte. Zeitlebens hat sie dieses traumatische Erlebnis aufzuarbeiten versucht, indem sie ständig und immer wieder darüber sprach. Ohne es zu ahnen, hat sie uns Kindern dadurch ein enormes Wissen an gelebter Geschichte unserer Volksgruppe vermittelt, ein Reichtum, den wir erst heute so richtig zu schätzen wissen. Deshalb möchte ich mich an dieser Stelle bei ihr dafür bedanken. Ohne ihre ausführlichen Schilderungen wäre dieser Beitrag nie zu Stande gekommen.

Weitere Quellen:

• „Deportiert und repatriiert: Aufzeichnungen und Erinnerungen 1945-1947, von Daniel Bayer“, München 2000, Verlag Südostdeutsches Kulturwerk
• „Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa“, Band III, „Das Schicksal der Deutschen in Rumänien“
• „Deportation der Südostdeutschen in die Sowjetunion 1945-1949“, München 1999, Haus des Deutschen Ostens
• „Billed, Chronik einer Heidegemeinde im Banat“ von Franz Klein, Wien 1980
• „Über uns der blaue endlose Himmel“, von Wilhelm Weber, München 1998
• „Donbass-Sklaven. Verschleppte Deutsche erinnern sich“, von Günter Czernetzky, 1992 ARD

Home