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Die Donauschwaben Ernst Meinhardt, Berlin den 19. Juni 2004 Jeder
von Ihnen hat von ihm gehört, jeder von Ihnen hat ihn auf der Leinwand
oder zumindest im Fernsehen gesehen. Und jeder von Ihnen weiß, um
wen es geht, wenn er dies hört: O-TON
"Tarzan-Urschrei"
Weißmüller
war zweifellos US-Amerikaner. Doch war er auch Banater Schwabe und damit
Donauschwabe. Johnny, Hansi, Weißmüller wurde nämlich
nicht in den USA geboren, wie er selber immer behauptete, sondern in Freidorf,
einem Vorort der Hauptstadt des Banats Temeswar, rumänisch Timisoara.
Das war vor genau einhundert Jahren: am 2. Juni 1904. Womit
wir mitten in unserem Thema wären: Man
kann die Banater Schwaben nicht losgelöst von den Donauschwaben sehen.
Das unterscheidet sie ganz deutlich von den Siebenbürger Sachsen.
Vielmehr sind die Banater Schwaben Teil der großen Familie der Donauschwaben.
Warum sage ich das? Aus zwei Gründen: Der Anfang der Vertreibung des politisch und religiös aggressiven Islam aus Europa wurde 1683 gemacht. Am 12. September 1683 haben die vereinigten deutschen und polnischen Streitkräfte unter der Führung des Herzogs Karl von Lothringen und des Polenkönigs Johann Sobieski die Kaiserstadt Wien aus der Umklammerung durch die Türken befreit. Das Riesenheer der Türken wurde in der Schlacht am Kahlenberg vernichtend geschlagen. Von dann an ging es Schlag auf Schlag gegen die Türken und den Islam. Am 2. September 1686 fiel Budapest in die Hände des kaiserlichen Heeres, anschließend der west-ungarische und der Donau-Theiß-Raum, ebenso Siebenbürgen. Am 12. August 1688 wurde Belgrad - vorübergehend - eingenommen. 1691 wurden die Türken bei Slankamen geschlagen, als sie versuchten, die Sawe zu überschreiten und nach Ungarn vorzudringen. Am 1. August 1696 begann Friedrich August von Sachsen das von den Türken besetzte Temeswar, die Hauptstadt des Banats, zu belagern. Nachdem ihm die polnische Königskrone angeboten wurde, zog er sich zurück. Eine entscheidende Wende in den Kriegen gegen die Türken trat 1697 ein. In diesem Jahr betraute der Hofkriegsrat in Wien den jungen kaiserlichen Feldmarschall, den Prinzen Eugen von Savoyen, mit der Fortführung der Operationen im Südosten. Der Prinz war im übrigen auch an allen vorherigen Türken-Kriegen seit 1683 beteiligt. Bei Zenta vernichtete sein Heer 1697 das Heer der Türken, das vom Sultan selbst angeführt worden war. Durch den Karlowitzer Frieden von 1699 fielen die Banater Randgebiete in kaiserliche Hände, nicht aber das ganze Banat, das die Osmanen behalten durften. Nach seinen Erfolgen im spanischen Erbfolgekrieg übernahm Prinz Eugen 1716 erneut den Oberbefehl des kaiserlichen Heeres im Kampf gegen die Türken. Bei Peterwardein schlug er am 5. August 1716 das türkische Heer. Drei Wochen später, am 26. August 1716, begann Prinz Eugen mit der Belagerung der Festung Temeswar. Die Festung war von Sümpfen umgeben und deshalb für Artillerie und Kavallerie schwer zugänglich. Zwei Jahre später, am 12. Oktober 1716, hissten die Türken die weiße Flagge. An seinem 43. Geburtstag, am 18. Oktober 1716, zog Prinz Eugen in die befreite Hauptstadt des Banats ein. Auf ihren Trümmern hatte 164 Jahre lang das Banner des Halbmondes geweht. Vor seiner Abreise nach Wien setzte der Prinz am 1. November 1716 seinen Unterfeldherrn, den Lothringer Feldmarschall Graf Claudius Florimund von Mercy, als Gouverneur des Banats ein. Ihn betraute er mit der Eroberung weiterer Banater Orte. Seine
Operationen vor Belgard begann Prinz Eugen Ende Mai 1717. Mitte Juni war
die starke Festung vom kaiserlichen Heer umklammert. Nach schweren Kämpfen
musste sie sich ergeben. Der Sieg über die Türken im Kampf um Belgrad im Sommer 1717 bedeutet das Ende weiterer ernsthafter Bedrohungen des Donau-Raumes und des Westens durch die Macht des Halbmondes und für die Balkanvölker den Anbruch der Epoche der Befreiung und der Wiederbegründung einer eigenen Staatlichkeit. Am 21. Juli 1718 ist im nordserbischen Passarowitz zwischen den kriegführenden Mächten der Frieden geschlossen worden. Die türkische Pforte musste das Banat, das nördliche Serbien und das rumänische Oltenien an den Kaiser in Wien abtreten. Für das Banat sollte eine neue Zukunft beginnen. In dem Maße, in dem die Türken aus Europa vertrieben wurden, wurden die Gebiete, die sie einst besetzt hatten, mit Deutschen, den späteren Donauschwaben, neu besiedelt. Aber nicht nur mit Deutschen wurden die zurück eroberten Gebiete besiedelt – das muss hier ganz deutlich gesagt werden - sondern ebenso mit anderen Nationalitäten, beispielsweise mit Spaniern, Franzosen und Italienern, mit Tschechen und Slowaken, mit Bulgaren und Kroaten. Auch Juden und Zigeuner durften einwandern. In ihrer Kulturpolitik waren die Habsburger tolerant. Jede Volksgruppe hatte eigene Schulen, Gottesdienst in der eigenen Religion und Sprache sowie die Möglichkeit zur Pflege der eigenen Kultur. Jeder Volksgruppe war eine bestimmte Rolle zugedacht. Die Bulgaren sollten zum Beispiel den Obst- und Gemüsebau fördern, die Italiener und Spanier den Anbau von Reis und Baumwolle sowie die Seidenraupenzucht einführen, die Rumänen und Serben als Lehrmeister in der Rinder- und Schafzucht fungieren. Die Deutschen sollten ihren Nachbarn als Vorbild dienen, nach „deutscher Art“ Acker- und Weinbau zu betreiben und sich bessere Wohnhäuser zu bauen. Die Ansiedlung von Deutschen an der mittleren Donau begann im Ofener Bergland 1685, im Schildgebirge 1691, im Buchenwald (ungarisch Bakony) 1702, in der Schwäbischen Türkei 1687, in Sathmar 1712, in der Batschka 1715, im Banat 1716, in Syrmien und Slawonien 1718. Notwendig wurde die Ansiedlung, weil die Türken weitgehend Ödland zurückgelassen hatten, Ödland, das wieder in eine Kulturlandschaft verwandelt werden sollte. Sowohl die Ungarn als auch die Südslawen haben die deutschen Siedler, die - wie gesagt – nicht nur aber doch hauptsächlich aus dem südwestdeutschen Sprachraum kamen, stets "Schwaben" genannt, obwohl in Wirklichkeit nur ein geringer Teil von ihnen tatsächlich "Schwaben" waren. Im Laufe der Zeit übernahmen die Siedler diese Bezeichnung auch. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Schwaben an der mittleren Donau - zur Unterscheidung von den Schwaben in Baden-Württemberg und Bayern - "Donauschwaben" genannt. Diesen Namen haben erstmals Volkskundler 1922 geprägt. Später wurde er von Historikern übernommen. Der Grazer Professor Anton Scherer, einer der herausragendsten donauschwäbischen Wissenschaftler der Gegenwart, hat mir geschrieben, dass er die Bezeichnung "Donauschwaben" für verunglückt hält. "Donaudeutsche" wäre genauer. Da hat der Professor sicher recht. Nun hat sich der Name aber international durchgesetzt. Deswegen werden wir ihn beibehalten. Ehe wir uns dem heutigen Schwerpunktgebiet zuwenden, dem Banat und den Banater Schwaben, werfen wir einen kurzen Blick auf die donauschwäbischen Siedlungsgebiete. Es sind insgesamt sechs Gebiete, und zwar: das ungarische Mittelgebirge, das nördlich des Plattensees liegt. Zentren: Budapest, Budaörs, Moor, Stuhlweißenburg (Szekesfehervar) die "Schwäbische Türkei" mit den Komitaten Baranya, Somogy und Tolna. Zentren: Fünfkirchen/Pecs, Bonyhad, Mohacs. Heute gehört das Komitat Baranja weitestgehend zu Kroatien. Zentrum: Essegg (Osijek) die Batschka, von der heute der größte Teil zu Serbien gehört, ein kleinerer zu Ungarn. Zentren: Neusatz (Novi Sad), Hodschag (Odzaci) Apatin, Sombor, Neu-Werbass (Vrbas), Theresiopel (Subotica), Palanka Syrmien und Slawonien. Syrmien (serbisch Srem) gehört heute zu Serbien, Slawonien zu Kroatien. Zentren in Syrmien: Semlin, India, Ruma, Mitrovitz. Zentren in Slawonien: Vinkovci, Vukovar, Djakovo, Valpovo das Banat, das nach dem Ersten Weltkrieg dreigeteilt wurde: zwei Drittel gingen an Rumänien, ein Drittel an das Königreich Serbien-Kroatien-Slowenien, das spätere Jugoslawien. Heute gehört der einstige jugoslawische Teil des Banats zu Serbien; ein kleiner Zipfel im Nordwesten des Banats blieb bei Ungarn. Zentren: in Rumänien: Temeswar (Timisoara), Hatzfeld (Jimbolia), Lugosch, Arad, Reschitza; in Serbien: Werschetz (Vrsac), Weißkirchen (Bela Crkva), Pantschowa (Pancevo), Groß-Betschkerek (Zrenjanin), Groß-Kikinda und das Sathmarer Gebiet, im Nordwesten Rumäniens gelegen. Zentren: Groß-Karol (Carei) und Sathmar (Satu Mare) - Um die Konfusion perfekt zu machen, nur noch ein kleiner Einschub. Sie haben sicher gemerkt, dass bei den vielen Gebietsbezeichnungen eine gefehlt hat, die heute in den Medien oft vorkommt: die Wojwodina. Die Wojwodina war im einstigen Jugoslawien neben dem Kosovo eine der beiden autonomen Provinzen. Zur Wojwodina gehören die Batschka und der "jugoslawische" Teil des Banats. Die Wojwodina liegt heute in Serbien. Ihre Hauptstadt ist Neusatz (Novi Sad). Wie kommt es, dass das Siedlungsgebiet der Donauschwaben und ebenso das der Banater Schwaben dermaßen zerstückelt ist? Das war nicht von Anfang an so. Als die deutschen Siedler vor rund 300 Jahren aus ihrer damaligen Heimat südostwärts zogen, gingen sie nach Ungarn, das Teil der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie war. Die Donaumonarchie ging infolge des Ersten Weltkriegs unter. Es entstanden neue Staaten wie etwa die Tschechoslowakei oder Jugoslawien. Andere wie Rumänien vergrößerten ihr Territorium erheblich. Das alles ging hauptsächlich auf Kosten Ungarns, das nach dem Ersten Weltkrieg fast zwei Drittel seines ursprünglichen Staatsgebiets verlor. Und es ging auf Kosten der Donauschwaben, deren Siedlungsgebiet rücksichtslos zerstückelt und auf drei Staaten aufgeteilt wurde: auf Rumänien, Jugoslawien und Ungarn. Eine weitere Zerstückelung erfolgte in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts infolge des Zerfalls Jugoslawiens. Seither liegen die donauschwäbischen Siedlungsgebiete in vier Staaten: Rumänien, Ungarn, Serbien und Kroatien.
Was für die donauschwäbischen Siedlungsgebiete insgesamt gilt, gilt in gleicher Weise für das Banat. Seit dem Ende des Ersten Weltkriegs ist es - wie ich bereits erwähnte - dreigeteilt. Abgesegnet wurde die Dreiteilung durch die Friedensschlüsse von St. Germain 1919 und Trianon 1920. Übrigens gegen den Willen der Banater Schwaben. Doch interessierte ihr Wunsch die Siegermächte nicht, sieht man einmal von den USA ab, die damals auf dem Selbstbestimmungsrecht der Völker beharrten, sich mit ihrer Position aber nicht durchsetzen konnten. Was
bezeichnet man als Banat? Geographisch ist das genau definiert. Nach der Vertreibung der Türken im Jahre 1716 durch Prinz Eugen bot das Banat ein trostloses Bild. Eine vom Gouverneur, Graf Mercy, angeordnete Bestandsaufnahme ergab etwa 660 Dörfer und Städte mit ungefähr 21.000 Haushalten. Das sind im Durchschnitt 32 Haushalte pro Ort. Die Bevölkerungszahl lag bei 90.000 Einwohnern. Das sind bei einer Gesamtfläche von etwas weniger als 30.000 Quadratkilometer drei Einwohner pro Quadratkilometer. Also musste das Land, um voranzukommen, besiedelt werden. Die erste Großaktion der deutschen Ansiedlung im Banat fällt in die Jahre 1722 bis 1726, in die Regierungszeit des Kaisers Karl VI. Man spricht daher auch von der "Karolinischen Kolonisation" oder vom "Ersten Schwabenzug". Schmackhaft gemacht wurde den Deutschen die Ansiedlung mit folgenden Bedingungen: Die bäuerlichen Siedler erhielten 1 Joch (= 2 Morgen) Hausgrund, 24 Joch Ackergrund, 6 Joch Wiesengrund. Dazu Holz für den Hausbau, haus- und landwirtschaftliche Geräte sowie Haustiere. Sie waren für 3 Jahre steuer- und abgabenfrei. Danach mussten sie den landesüblichen Frondienst leisten. Die Steuern wurden nach und nach erhöht. Nach drei Jahren waren 12 Gulden an die Staatskasse fällig, nach sechs Jahren 18 Gulden, nach 12 Jahren 24 Gulden. Auswanderer über 15 Jahren erhielten einen Reisekostenzuschuss von 1 Gulden und 30 Kreuzern. Die Auswanderer fuhren auf Schiffen ab Donauwörth, Maxheim, Neuburg, später ab Ehingen, Ulm und Günzburg donauabwärts in das Banat. Besiedelt
wurden: im Norden entlang der Marosch Dörfer wie Perjamosch, Neuarad,
Guttenbrunn, Lippa: Die Gesamtzahl der deutschen Siedler des "Ersten Schwabenzugs" wird auf 15.000 bis 20.000 Personen geschätzt. Auf Kaiser Karl VI. folgte dessen Tochter Maria-Theresia als Kaiserin. In den ersten Jahrzehnten ihrer Regentschaft tat sich siedlungspolitisch wenig. Einerseits galt das Banat wegen seiner Grenzlage als Risikogebiet. Andererseits war die Kaiserin in Erbfolgekriegen mit der Behauptung ihrer Macht gegenüber den Preußen ganz in Anspruch genommen. So wurde zunächst Rumänen und Serben aus dem verlorenen Oltenien und Nordserbien im Banat angesiedelt. 1763 setzte dann aber die erneute Anwerbung deutscher Siedler für das Banat ein. Das war der Beginn des "Zweiten Schwabenzugs" bzw. der "Theresianischen Kolonisation". Gegenüber der ersten Siedlungsaktion waren die Bedingungen jetzt noch großzügiger. Die Kolonisten erhielten: 6 Jahre Steuerfreiheit, freies Bau- und Brennholz, 24 Joch Acker, 6 Joch Wiesen, 6 Joch Weiden und 1 Joch Hausgrund. Handwerker erhielten sogar eine 10jährige Steuerfreiheit. Bei freien Transportkosten erhielten Erwachsene an Verpflegungsgeld pro Tag und Person 6 Kreuzer, Kinder 2 Kreuzer. Zum Bau der Häuser wurde ihnen ein Kostenvorschuss genehmigt. Später kamen sie in Häuser, die auf Staatskosten gebaut worden waren. Zur Unterbringung der Siedler wurden entweder bestehende Orte erweitert oder neue gegründet. Zu den Neugründungen gehören 1764 Billed, 1766 Sackelhausen und Hatzfeld - aus Hatzfeld stammen meine Vorfahren, mehr dazu später - 1767 Tschatad, das spätere Lenauheim, und Großjetscha, 1768 Grabatz und Bogarosch. Die "Theresianische Kolonisation" dauerte von 1763 bis 1772. Im Budget waren für die Ansieldung jährlich 200.000 rheinische Gulden vorgesehen. Die Gründung von 30 Ortschaften und die Erweiterung von weiteren fast 30 Ortschaften mit etwa 25.000 Deutschen kostete den Fiskus um die zwei Millionen rheinische Gulden. In einem Punkt stimmten die Bedingungen der "Karolinischen" und der "Theresianischen Kolonisation" überein: Als Siedler kamen nur Katholiken in Frage. Entweder man war katholisch, oder man musste zum Katholizismus übertreten. So ist es zu erklären, dass die Banater Schwaben in ihrer großen Mehrheit auch heute noch römisch-katholisch sind. Diese Bedingung wurde erst in der dritten Ansiedlungsaktion fallen gelassen. Das war unter Joseph II., dem Sohn von Maria Theresia. In seine Zeit fällt der "Dritte Schwabenzug" oder die "Josephinische Kolonisation". Unter Joseph II. durften erstmals auch evangelische Deutsche ins Banat (und in die anderen donauschwäbischen Siedlungsgebiete) auswandern. Und noch etwas war anders unter Joseph II. Während das Banat unter Karl VI. und Maria Theresia "Kaiserliches Kronland" war, also dem Kaiser in Wien direkt unterstand, wurde es 1778 unter Joseph II. wieder dem ungarischen Staatsverband eingegliedert. Für die Siedler aus den westlichen Provinzen, beispielsweise aus Lothringen oder aus der Pfalz, bedeutete dies, dass sie nicht mehr wie unter Karl VI. oder unter Maria Theresia auf Reichsboden ansässig wurden, sondern auf ausländisches, ungarisches Territorium kamen. Die "Josephinische Kolonisation" dauerte von 1780 bis 1790. Sie gewährte den Bauern eine Abgabenfreiheit von zehn Jahren. Im übrigen hielten sich die Siedlungsbedingungen im Rahmen der theresanischen. Eine bäuerliche Familie erhielt an Feld 32 Joch (etwa 64 Morgen) und 4 Joch Anteil an der Gemeindeweide. Unter Joseph II. sind schätzungsweise 30.000 Personen – zu Teil auch Franzosen - im Banat angesiedelt worden. Es wurden unter anderem folgende Ortschaften gegründet: 1780 Lowrin und Gertjanosch, 1783 Bakowa, 1784 Nitzkydorf und 1784 Moritzfeld. 1786 Liebling, Ebendorf, Morawitza, Orczydorf. Nitzkydorf ist der Geburtsort der berühmten Banater Schriftstellerin Herta Müller. Liebling ist eines der wenigen evangelischen Banater Dörfer. Über Liebling erzählt man sich folgende Anekdote: Als Kaiser Joseph II. im Banat neu gegründete Dörfer besuchte, war er unter anderem auch in Liebling. Der Ort soll ihm von allen am besten gefallen haben. Er sei sein „Liebling“, soll der Kaiser gesagt haben. Und so ist das Dorf der Legende nach zu seinem Namen gekommen sein. Natürlich ging die Besiedlung des Banats auch unter den Nachfolgern von Joseph II. weiter, allerdings bei weitem nicht mehr in dem Umfang. Und natürlich gab es auch Ansiedlungen zwischen den drei "Schwabenzügen". Manches Dorf ist durch Privatansiedlung entstanden, das heißt, nicht aufgrund von kaiserlichen Ansiedlungsbestimmungen, sondern indem die jeweiligen Grundherren Siedler auf eigene Rechnung ins Land holten. Sie brauchten sie, weil sie von ihren Gütern Einnahmen erzielen wollten. So sind auf dem Wege der Privatsiedlung südwestlich von Temeswar zwischen 1786 und 1790 eine Reihe von deutschen Zusiedlungen und Dörfern entstanden, etwa Iwanda, Dolatz, Modosch, Sankt Georgen an der Bega, Tschawosch, Deutsch-Stamora und Zichydorf. Über Modosch erzähle ich Ihnen später eine Geschichte. Eine wahre Begebenheit über Dolatz schon jetzt. In den 70er Jahren war Wenzel Demele römisch-katholischer Pfarrer von Dolatz. Er war ein guter Bekannter meiner Familie. Bei meinen Großeltern ging er während seines Theologiestudiums in Temeswar ein und aus. Er hat auch meine Eltern getraut. 1979 erregte der Pfarrer so großes Aufsehen, dass sogar die bundesdeutsche Fernsehen über ihn berichtete. Während man in Dolatz gerade Nachkirchweih feierte, flüchtete er mit zwanzig weiteren Personen – Männer, Frauen und einem Kind – in der Nacht vom 27. Auf den 28. August 1979 über die grüne Grenze nach Jugoslawien, um von dort nach Deutschland zu gelangen. Gleich danac riegelten Grenzer und Milizionäre das Dorf ab und setzten die Angehörigen der Flüchtlinge unter Druck. Dass ihnen ein Dorfbewohner den Flüchtlingen half, das wurde erst sehr viel später bekannt. Der Mann hatte den Weg ausgekundschaftet und versteckte Markierungen gelegt. Weil er Bienenzüchter war, konnte er sich verhältnismäßig unauffällig im Gelände bewegen. Erwischt wurden die Flüchtlinge in Jugoslawien. Bis zur Klärung ihrer Situation wurden sie inhaftiert. Nach zwei Tagen öffnete sich die Tür zur großen Zelle und 16 weitere Dolatzer traten ein. So hatten innerhalb von zwei Tagen 37 Banater Schwaben das Dorf illegal verlassen. Eine Frage, die immer wieder gestellt wird, ist: Warum sind die Deutschen aus ihrer Heimat ausgewandert? Was hat sie dazu veranlasst? Nun, wie meistens spielten wirtschaftliche, soziale und politische Gründe die Hauptrolle. In den Dörfern fehlte es an Land für junge Familien. Die Bevölkerung war ständig gewachsen, den Boden konnte man aber nicht vermehren. Die Landwirtschaft war auf dem Land die einzige Erwerbsquelle. Sie konnte nicht mehr alle in der Landwirtschaft Beschäftigten ernähren. Nach dem damaligen Erbschaftsrecht erbte der jüngste Sohn den Hof der Eltern. Seine Geschwister musste er auszahlen. Wenn die Geschwister nicht durch Heirat auf einem anderen Hof unterkommen konnten, wurden sie zu Knechten oder Tagelöhnern. Im Handwerk hatten sie so gut wie keine Chance. Auf dem Dorf wurden nur Weber, Schuster und Schmiede gebraucht. Alle übrigen Handwerksberufe waren nur in den Städten zugelassen. Dort aber wehrten sich die Zünfte gegen die Vermehrung von Handwerksbetrieben. Auch konnte man sich als Fremder nicht ohne weiteres in der Stadt niederlassen. Um das Bürgerrecht zu bekommen, musste man ein erhebliches Vermögen vorweisen. Ein weiterer Auswanderungsgrund war der Militärdienst. Um der Einberufung zu entgehen, wurde oft sehr jung und überstürzt geheiratet. In Kriegszeiten nahm die Zahl der Desertionen sprunghaft zu. Deserteure wurden öffentlich aufgefordert, sich bei der Truppe zu melden. Taten sie es nicht, wurde ihr Vermögen und ihr späteres Erbe beschlagnahmt. Der
Frondienst war ein wichtiger Auswanderungsgrund. Es gab drei Arten von
Frondienst: Kriegsfronen, Herrschaftliche Fronen und Gemeindefronen. Kriegsfrondienst
ist nicht nur in Kriegszeiten angefallen, sondern auch in Friedenszeiten.
So musste z. B. für die Truppen auf Anforderung immer ein Quartier
bereit gestellt werden, für die Pferde mussten Ställe, Futter
und Stroh bereit gestellt werden. "Der Erste hat den Tod, der Zweite die Not, der Dritte das Brot" - diesen Spruch prägten die deutschen Kolonisten des Banats im 18. Jahrhundert. Das Sumpffieber ließ die Sterblichkeitsziffern emporschnellen. Ein Gelehrter, Iganz von Born, berichtete 1770 aus Temeswar: "Fieber und Entzündungskrankheiten herrschen hier beständig und verschaffen den Ärzten eine immerwährende Praxis. Auf der Straße erblickte ich überall blasse, gelb gefärbte, eingefallene Gesichter, die aus schön gebauten Häusern hervorkamen. Die Frauen und Mädchen hatten dick geschwollene Hände, die ihnen das Fieber zurückließ. Ich glaubte im Reiche der Toten einherzuwandeln, wo ich die Menschen für Leichen und ihre Wohnung für übertünchte Grabmäler ansehen konnte." Von den 80.000 deutschen Siedlern, die in das Banat kamen, sind etwa 25.000, also fast ein Drittel, an Sumpffieber, Pest und Cholera gestorben. Mit der Eingliederung des Banats in den ungarischen Staatsverband im Jahre 1778 setzten Madjarisierungsbestrebungen ein, unter denen die Banater Schwaben - mit kurzen Unterbrechungen - bis zum Ende der Doppelmonarchie zu leiden hatten. So verfügte die ungarische Studienkommission bereits 1782, also vier Jahre nach der Eingliederung des Banats in den ungarischen Staat, dass an Schulen ungarisch sprechende Lehrer eingestellt werden müssen. Einige Jahre später schickten sich die Behörden an, deutsche Schulen aufzulösen. Das führte zum Protest. In einem an den Kaiser gerichteten Gesuch von 1790 heißt es: Das Banat sei von Rumänen, Deutschen und Serben bewohnt. Ungarisch sprechen bloß die Beamten. Die Einführung des ungarischen Unterrichts sei durch nichts gerechtfertigt. Desssen ungeachtet setzten die ungarischen Behörden noch eins drauf. Mit Genehmigung des Kaisers schickten sie an die Statthaltereien ein Rundschreiben, in dem es hieß: Die ungarische Sprache ist neben dem Lateinischen die erste Amtssprache. In Orten, in denen mehrere Sprachen in Gebrauch sind, ist Ungarisch die "Hauptsprache". Diese Verfügung stieß im Vielvölkerstaat Ungarn, in dem die ethnischen Ungarn nicht einmal die Hälfte der Gesamtbevölkerung ausmachten, auf schärfsten Widerstand.
Nach dem sogenannten „Ausgleich“ von 1867 – einem zwischenstaatlichen Abkommen, durch das Ungarn Siebenbürgen und das Banat erhielt - nahmen die Versuche der Behörden, die nicht-ungarischenVolksgruppen zu madjarisieren, immer deutlichere Formen an. Die Rumänen und die Serben hatten in ihrer orthodoxen Kirche einen nationalen Rückhalt. Die Deutschen hatten diesen Rückhalt nicht, weil die römisch-katholischen Würdenträger den ungarischen Behörden bei deren Umvolkungsbemühungen nicht nur keinen Widerstand entgegensetzten, sondern sie sogar unterstützten. Lassen
Sie mich das, was vorläufig nur nach Theorie klingt, mit einigen
Beispielen veranschaulichen. Ursprünglich hießen meine Vorfahren
mütterlicherseits Otto. Irgendwann im Laufe des 19. Jahrhunderts
fügten die ungarischen Behörden in den Namen ein "l"
ein. Damit klang er ungarischer. Ins Deutsche zurückübersetzt
bedeutet Ottlo: "Dort Pferd". In den Kirchenbüchern wurden
sämtliche Vornamen ins Ungarische übersetzt. Mein Urgroßvater,
der Ludwig hieß, wurde so zu "Lajos". "Ottlo Lajos"
- sein ungarischer Name - prangte noch in den 70er Jahren des vorigen
Jahrhunderts am Giebel seines Hauses. Im Ungarischen nennt man zuerst
den Familiennamen, dann den Vornamen. Ein anderes Beispiel für den
ungarischen Nationalismus: In den Staatsdienst, selbst in die untersten
Ränge, konnte man nur mit einem ungarischen Namen. Wer Franz Wagner
hieß, konnte noch nicht einmal Eisenbahnschaffner werden, es sei
denn, er ließ sich umtaufen in "Kocsis Ferenc" - die wörtliche
Übersetzung von Franz Wagner ins Ungarische. Oder dieses Beispiel:
In wenigen Tagen jährt sich das "Wunder von Bern" zum 50.
Mal, also der sensationelle Sieg der deutschen Nationalmannschaft gegen
die Ungarn bei der Weltmeisterschaft 1954 in Bern. In der legendären
ungarischen Nationalmannschaft gab es damals einen Stürmer Nandor
Hidegkuti. Klingt richtig ungarisch, nicht wahr? Die Vorfahren von Hidegkuti
waren aber Deutsche. Wenn Sie den Namen aus dem Ungarischen zurück
übersetzen, wissen Sie, wie die Hidegkutis ursprünglich hießen:
Kaltenbrunner. Mit diesem Namen hätte man allerdings nie ungarischer
Nationalspieler werden können - Talent hin oder her. Ein Ende nahmen die Madjarisierungsversuche im Banat erst mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und mit dem Zerfall der Donaumonarchie. Für die Banater Schwaben, die zu Serbien kamen, hatte das allerdings nur eine Folge: An die Stelle des ungarischen Nationalismus trat der serbische. Besser hatten es die Banater Schwaben, die zu Rumänien kamen. Sie erhielten bereits 1919 Volksgruppenrechte. Der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien wurden diese Rechte erst 1930 zugestanden, in Ungarn erst 1940.
Der rumänische Teil des Banats erlebte in der Zeit zwischen den zwei Weltkriegen eine ungeahnte Entwicklung auf allen Gebieten: wirtschaftlich, sozial und kkulturell. Die Banater Schwaben machten aus ihrem mit natürlichen Reichtümern gesegneten Lanstrich eine wahre Kornkammer, deren Wirtschaftskraft beispielhaft war. Unter der rumänischen Regierung hatten die Banater Schwaben Minderheitenrechte, wie sie unter ungarischer Herrschaft undenkbar waren. In diese Zeit fällt das große Schwabentreffen 1923 in Temeswar – 200 Jahre seit der Ansiedlung der Banater Schwaben – die Einrichtung deutscher Schulen in fast allen Banater Gemeinden sowie die Gründung der „Banatia“ in Temeswar, des größten deutschen Bildungsinstituts Südosteuropas, sowie des deutschen Staatstheaters in Temeswar. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, mussten auch die Deutschen Rumäniens ihren Wehrbeitrag leisten. Bis Mai 1943 wurde sie in Einheiten des rumänischen Heeres eingezogen. Nachher auf Grund einer Vereinbarung zwischen dem Deutschen Reich und Rumänien (12. Mai 1943) in den Einheiten der Waffen-SS. Das heißt, die Rumäniendeutschen konnten es sich nicht aussuchen, wo sie Kriegsdienst leisteten. Im jugoslawischen Banat waren die Banater Schwaben schlechter gestellt als im rumänischen. Bei deutschsprachigen Schulen zum Beispiel gab es ein ständiges Hin und Her. Zunächst gab es an allen von deutschen Kindern besuchten Schulen Unterricht in der Muttersprache. Mit der Verstaatlichung der Gemeinde- und konfessionellen Volks- und höheren Schulen 1921 verschwand dieser Unterricht aber allmählich. An deutsche Schulen wurden vielfach Lehrer serbischer Volkszugehörigkeit versetzt, was allerdings auch damit zu tun hatte, dass eine deutsche Lehrerbildungsanstalt fehlte. Verbessert hat sich die Schulsituation erst wieder ab 1930. 1932 bestanden im jugoslawischen Banat bereits in über 60 Gemeinden deutsche Parallelklassen. Beim Militär war die Situation derjenien im rumänischen Banat vergleichbar. Bis April 1941 leisteten die Banater Schwaben Kriegsdienst in der jugoslawischen Armee. Von dann an wurden sie in die Waffen-SS eingezogen. Auch hier gab es keine Wahlmöglichkeit. Der Teil des Banats, der bei Ungarn geblieben ist, umfasst neun Gemeinden im Theiß-Marosch-Winkel sowie zwei deutsche Gemeinden des Arader Komitats. Was Minderheitenrechte angeht, so war die Lage der Deutschen in Ungarn im Vergleich zu Rumänien und Jugoslawien am ungünstigsten. Nun die versprochene Geschichte über Hatzfeld und Modosch. Meine Mutter wurde am 3. November 1923 in Hatzfeld geboren. Zu dem Zeitpunkt gehörte Hatzfeld zu Jugoslawien. Genau drei Wochen später, am 24. November 1923, ging ein Gebietstausch über die Bühne. Hatzfeld ging an Rumänien, dafür erhielt Jugoslawien Modosch. Trotzdem stand in allen Personaldokumenten meiner Mutter: geboren in Rumänien. Uroma, Hatzfeld, innerhalb von 1901 – 1923 kein Umzug, trotzdem drei Staatsangehörigkeiten Und noch ein kleiner Einschub. Infolge sehr hoher Geburtenzahlen kam es vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den deutschen Ortschaften des Banats zu einer wahren Bevölkerungsexplosion. Mein Großvater mütterlicherseits, Jahrgang 1900, war der jüngste von insgesamt 12 Geschwistern. Durch die Bevölkerungsexplosion hatte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Zahl der Deutschen seit der Ansiedlung trotz hoher Verluste durch Sumpffieber, Cholera und Pest auf das Siebenfache erhöht. Die Hälfte der Bevölkerung bestand aus Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren. Neuland gab es nicht mehr. Folglich setzte sich ein neuer Auswanderungszug in Bewegung, diesmal in Richtung Nordamerika. Unter den Zehntausenden Auswanderern war auch die eingangs erwähnte Familie Weissmüller. Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts zog es viele Banater Schwaben nach Südamerika. Uruguay galt damals als die „Schweiz Südamerikas“. „Da kann man sehr schnell sehr reich werden“, hieß es. Man Großeltern glaubten das auch und fuhren 1930 mit einem Auswandererschiff nach Montevideo. Als dort die erste Fußball-Weltmeisterschaft angepfiffen wurde, waren sie bereits in der uruguayischen Hauptstadt. Der Traum vom schnellen Reichtum in kurzer Zeit erfüllte sich jedoch nicht. Meine Oma fand nur Arbeit als Putzfrau, mein Opa war die meiste Zeit arbeitslos. Nach drei Jahren kehrten beide enttäuscht ins Banat zurück. Das Einzige, was sie mitbrachten, waren Schulden. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde auch das Ende der Donauschwaben und damit der Banater Schwaben in ihrer Heimat eingeläutet. Nach den Volkszählungen von 1941 gab es 656.000 Donauschwaben in Ungarn, 558.000 in Jugoslawien und 328.000 in Rumänien, alles in allem also über anderthalb Millionen. Mehr als 580.000 leben heute in Deutschland, 340.000 in den USA, Kanada und Südamerika, 120.000 in Österreich, weitere in Frankreich, in Australien und in anderen Ländern. Aufgrund des Potsdamer Abkommens hat Ungarn 1945 etwa die Hälfte seiner Donauschwaben vertrieben. Tausende wurde zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert. Der Volkszählung von 2001 zufolge leben in Ungarn heute noch rund 60.000 Donauschwaben. Die Zahl derjenigen, die des Deutschen mächtig sind, wird aber auf weniger als 30.000 Personen geschätzt. In Jugoslawien fielen im Oktober 1944 etwa 200.000 Donauschwaben unter das Regime von Tito. Allein von Oktober 1944 bis Juni 1945 haben die Tito-Partisanen fast über 9.500 Donauschwaben erschossen. Von November 1944 bis März 1948 waren 170.000 Donauschwaben interniert. Vor allem in den Todeslagern, von denen Rudolfsgnad (serbisch: Knicanin) das größte war, starben 51.000 Menschen durch Hunger und Seuchen. Von 12.000 Donauschwaben, die Ende 1944 zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert wurden, überlebten 2000 nicht. Alles in allem sind dem Völkermord unter Tito 64.000 Donauschwaben zum Opfer gefallen. Dass ich von Völkermord spreche, ist berechtigt. In einem Rechtsgutachten von 2002 belegt der Würzburger Völkerrechtler Prof. Dieter Blumenwitz, dass gemesssen an den Kriterien der Vereinten Nationen über die Verhütung und Bestrafung des Völkermords, an den Deutschen im kommunistischen Jugoslawien Völkermord begangen wurde. Trotzdem wurde Slowenien in die Europäische Union aufgenommen, ohne die Dekrete aufgehoben zu haben, die den Völkermord an den Deutschen Jugoslawiens ermöglichten und rechtfertigten. Was in Tschechien und in der Slowakei die Benesch-Dekrete sind, das sind in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens die AVNOJ-Beschlüsse. Nach der Volkszählung von 2002 leben im heutigen Serbien noch knapp 4.000 Donauschwaben, die meisten – fast 3.200 – in der Wojwodina. Nur zum Vergleich: In Kroatien, im Raum Esseg wird die Zahl der Menschen donauschwäbischer Herkunft auf etwa 7.000 geschätzt. In Rumänien begann der Niedergang der deutschen Volksgruppe am 23. August 1944, als das Land die Fronten wechselte. Vor der herannahmenden Roten Armee konnten im Herbst 1944 etwa 15.000 Banater Schwaben in den Westen flüchten. Nicht
einmal ein halbes Jahr nach dem Frontwechsel Rumäniens forderte Moskau
die Regierung in Bukarest auf, Arbeitskräfte zum Wiederaufbau in
die Sowjetunion zu schicken. Ausdrücklich bestanden die Sowjets darauf,
dass diese Arbeitskräfte Deutsche sein mussten. Die letzte nicht-kommunistische
Regierung Rumäniens musste der Forderung nachkommen. Die Sowjets
hatten ein Argument, das noch jeden „überzeugt“ hatte:
ihre Panzer, mit denen sie das ganze Land besetzt hielten. Die Aushebungen
begannen am 10. Januar 1945. Von der Deporatation betroffen waren Männer
zwischen 17 und 45 Jahren und Frauen zwischen 18 und 30 Jahren. Aus meiner
Familie traf es meine Mutter und meinen Großvater. Meine Mutter
leistete fünf Jahre Zwangsarbeit im Donez-Becken, in der heutigen
Ukraine. Mein Großvater war ein Jahr Zwangsarbeiter im Ural. Beide
sind an den Folgen der Zwangsarbeit früh gestorben. Eine Entschädigung
für die Zwangsarbeit haben sie niemals bekommen. Die derzeitige Bundesregierung
weigert sich, das Thema „Entschädigung deutscher Zwangsarbeiter“
auch nur anzusprechen. Als im Sommer 2002, kurz vor der Bundestagswahl,
Mitglieder der Arbeitsgruppe „Deutsche Zwangsarbeiter“ im
Bundeskanzleramt in Berlin eine Resolution übergeben wollten, fand
sich niemand zur Entgegennahme bereit. Kaum waren die letzten Zwangsarbeiter 1949 aus der Sowjetunion zurückgekehrt, setzte eine neue Verfolgungswelle gegen die Deutschen ein. Sie richtete sich diesmal hauptsächlich gegen die Banater Schwaben. Am 17. Juni 1951 begann die Deportation von 80.000 Menschen, darunter über 45.000 Banater Schwaben in die Baragan-Steppe an der Donau-Mündung. Sie sollten dort Kollektiv-Dörfer gründen und das Wunder eines neuen Banats vollbringen. Die Verbannung in das „rumänische Sibirien“ dauerte bis 1956. Die Verbannungsorte waren schwer bewachte Konzentrationslager, in denen sich die Lagerhäftlinge aus dürftigsten Mitteln eine kümmerliche Behausung schaffen und unter unbeschreiblichen sozialen Bedingungen leben mussten. Ohne Medikamente und Krankenstationen mussten die mitinhaftierten Ärzte das Massensterben ihrer Landsleute machtlos mit ansehen. In den fünf Jahren zwischen 1951 und 1956 sind etwa 10.000 Banater Schwaben in der Baragan-Steppe gestorben. Es gab Leute, die beide Deportationen mitmachen mussten. Meine Paten-Tante zum Beispiel war erst zur Zwangsarbeit in der Sowjetunion. Sie wurde von dort in die damalige Sowjetische Besatzungszone, die spätere DDR entlassen, machte dann aber den Fehler, nach Rumänien zurückzugehen. Weitere Zwangsmaßnahmen gegen die Rumäniendeutschen: Am 23. März 1945 wurden sie enteignet. Drei Jahre später, im Frühjahr 1948 begann die Kollektivierung der landwirtschaftlichen Produktion. Ende
der 60er Jahre (1968) wurden staatlich gelenkte „Verbände der
Werktätigen“ gegründet. Sie bemühten sich vornhemlilch
um die Pflege des Brauchtums. Aber sie beteiligten sich auch an der Publikation
deutscher Zeitungen und Zeitschriften. Deutsche konnten in die örtlichen,
regionalen und Landesgremien gewählt werden. Dass dort der politische
Gestaltungsspielraum gering war, lang nicht daran, dass sie Deutsche waren,
sondern am politischen System, dem Sozialismus. Das deutsche Schulwesen
wurde ideologisiert. Der Unterricht in der Muttersprache wurde jedoch,
und das kann man gar nicht hoch genug einschätzen, gewährleistet.
Was man unter ideologisiertem Unterricht zu verstehen hat, das will ich
an einem Beispiel veranschaulichen: Zu Beginn meiner Schulzeit in Temeswar,
also zu Anfang und Mitte der 60er Jahre konnte nicht jeder „Pionier“
werden. Gute Leistungen in der Schule waren eine Grundvoraussetzung dafür.
Später, also gegen Ende der 60er Jahre, spielten schulische Leistungen
keine Rolle mehr. Ab dem 14. oder 15. Lebensjahr wurde man automatisch
in den „Kommunistischen Jugendverband“ aufgenommen, ob man
wollte oder nicht. Ich habe nie einen Mitgliedsbeitrag bezahlt. Ich habe
grundsätzlich nur West-Sender gehört, bin praktisch mit dem
Saarländischen Rundfunk groß geworden. Der SR hatte in den
60er Jahren von allen ARD-Sendern die größte Reichweite. Trotzdem
bin ich nie aus dem „Kommunistischen Jugendverband“ ausgeschlossen
worden. Es ging nämlich nicht darum, „treu-gläubige“
Mitglieder zu haben. Es kam nur darauf an, dass es möglichst viele
waren. Was natürlich nicht ging, war freie Meinungsäußerung. Copyright © 2009
by Elisabeth Packi |