Das
Banat und die Banater Schwaben
Elisabeth
Packi, Berlin 2002

Das Banat ist eine
Region in Südosteuropa, die bis zum Ersten Weltkrieg Teil Österreich-Ungarns
war. Für die meisten Historiker geht der Name Banat auf die mittelalterliche
ungarische Grenzmark zurück, an deren Spitze ein "Banus",
ein Markgraf, stand. Diese historische Landschaft im südlichen
Pannonischen Becken zwischen der Marosch, der Theiss, der Donau
und
den westlichen Ausläufern der Süd-Karpaten wurde 1920 infolge des Friedensvertrags
von Trianon dreigeteilt. Etwa zwei Drittel wurden Rumänien
zugesprochen. Das Banat hat annähernd die Größe
Belgiens (28500 km²).
Es wird im Süden durch die Donau vom Balkan getrennt und durch
den Rückenschutz der teils über 2000 m hohen Karpaten scharf
nach Osten hin abgeschirmt. Mitten durch das Banat fließt die
Temesch. Sie hat der Metropole des Banats, Temeschburg bzw. Temeswar,
ihren Namen gegeben. Das
fruchtbare, größtenteils mit Schwarzerde bedeckte Tiefland,
ist bestens für den Ackerbau geeignet.
Das Banater Land umschließt vier Landschaftszonen: die
breiten Flußniederungen, mit ihrer mannigfaltigen Pflanzen-
und Tierwelt, die
weite Ebene mit der fruchtbaren Schwarzerde, das Herzstück
des Banats, das
Hügelland mit den ausgedehnten Weinbergen und Obstgärten, das
wald- und wildreiche Banater Bergland mit seinen wohlbekannten Heilquellen
und seinem Reichtum an Erzen und Steinkohle.
Die "Banater
Schwaben"

Der Begriff "Banater Schwaben" ist laut Brockhaus "die
Bezeichnung für die im Banat lebenden Deutschen". Sie sind
Nachkommen der zwischen 1722-1787 angesiedelten Deutschen, die im Wesentlichen
aus dem Westen und Südwesten des Heiligen Römischen Reiches
Deutscher Nation kamen. Die
Banater Schwaben werden zu Unrecht "Schwaben" genannt. Das
Herkunftsgebiet der Ansiedler erstreckt sich über ganz Süd-
und Mitteldeutschland. Unsere Vorfahren kamen aus Bayern und aus Schwaben,
aus der Pfalz und aus Thüringen, aus dem Rhein - Main - Gebiet
und aus dem Saarland, aus dem Elsaß und aus Lothringen, sowie
aus Luxemburg.
Die Banater Schwaben erwiesen sich als mustergültige Landwirte
und brachten es zu erheblichem Wohlstand. Im Laufe des 19. Jahrhunderts
hat sich das Banat zur Kornkammer Habsburgs entwickelt. Der Bauernstand
hatte ein solch großes Ansehen erlangt, daß sich jeder glücklich
schätzte, der ihm angehören durfte.
Nur ein Vierteljahrtausend währte die Geschichte der Banater Schwaben,
ausreichend um die Landschaft und den Raum entscheidend zu prägen,
um eindrucksvolle zivilisatorische Leistungen zu vollbringen.
Das Ende der Deutschen im Banat ist zweifellos gekommen, doch die Geschichte
des europäischen Banats war und bleibt ihr Werk.
Die
Ansiedlung der Banater Schwaben

Das
Banat war seit 1552 türkische Provinz. Ende des 17. Jahrhunderts mußte
das Osmanische Reich infolge der Türkenkriege die eroberten Gebiete
an Habsburg abtreten. Der
Wiener Hof betrieb zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine intensive Bevölkerungspolitik
dieser, bis dahin weitestgehend entvölkerten Provinz. Die eigentliche
Geburtsstunde des Banats ist der 18. Oktober 1716, als Prinz Eugen
von
Savoyen die Türken bezwang und zugleich in Temeschburg, der Hauptstadt
des Banats, einzog. Links im Bild ist ersichtlich wie Ahmed Aga symbolisch
den Schlüssel der Festung an Prinz Eugen übergibt (Aquarell
von Desider Sinkowich). Bereits 1718 wurde das Banat als kaiserliche
Krondomäne der Wiener Reichsregierung direkt unterstellt und erhielt
ab sofort den Namen "Temescher Banat" (Banatus Temesvarensis).
Prinz Eugen verfügte, daß nur deutsch-katholische Bürger
angesiedelt werden. Die Neubesiedlung des Banats mit deutschen Einwanderern
erfolgte in drei Etappen, den sogenannten Schwabenzügen: 1722-1726,
der Carolinische, der erste Schwabenzug, unter Kaiser Karl VI., 1763-1772,
der Theresianische, der große Schwabenzug, unter Kaiserin
Maria Theresia, 1782-1786,
der Josefinische, der letzte Schwabenzug, unter Kaiser Josef II. Die
vorwiegend bäuerliche Bevölkerung erhielt von der österreichischen
Regierung zahlreiche Vergünstigungen und erfreute sich besonderer
Rechte wie Steuerfreiheit, Befreiung vom Militärdienst und Zuteilung
von fruchtbarem Land. In diesem Zeitraum wurden 43000 Siedler in 60
neu gegründeten Ortschaften angesiedelt. Träger dieser Siedlungspolitik
waren Grundherren und der Staat. Der Ansiedlungsprozess geschah unter
dem ausdrücklichen Versprechen: "Sie werden allein der Krone
unterstehn."
Das
Siedlungswerk des Wiener Hofs

Das Banat wurde als christliches Verteidigungsbollwerk gegen das Osmanische
Reich errichtet und muß als Militärgrenze Österreich-Ungarns
gesehen werden. Der Banater Abschnitt deutscher Ostsiedlung hat sich
über viele Jahrzehnte hingezogen. Die staatlich gelenkte Siedlungspolitik
wurde durch private herrschaftliche Siedlungsvorhaben nachhaltig unterstützt.
Bauern, Handwerker und Kaufleute, Ritter und Soldaten, Mönche und
Priester, bäuerliche Höfe und Siedlungen, Handelshäuser,
Werkstätten und Mühlen, Klöster, Kirchen und Wohnsiedlungen
waren Voraussetzung und Grundlage der königlichen Machtentfaltung
im Temescher Banat.
Das Banater Siedlungswerk wurde bis ins Detail von der Wiener Hofkammer
geplant: die Planung der Dorfanlage und der Hausform, der Ackerparzellen
und der Gemeinschaftsbauten wie Kirchen, Pfarrhaus und Schule gehörten
dazu. Ein Zug imperialer Weiträumigkeit und gestalterischer Großzügigkeit
zeichnete die ländlichen Siedlungen des Banats aus. Die Siedlungen
der Banater Schwaben sind in Stadt und Land gleichermaßen vom
Barock geprägt, gekennzeichnet durch das barocke Giebelhaus mit
dem geschwungenen Rundgiebel und vielen Schmuckelementen. Der Banater
Bauernbarock hatte eine hohe Ausstrahlung mit besonderem Nachahmungswert
für die anderen Mitbewohner.
Die breiten Dorfstraßen mit den behäbigen Gehöften,
in Schachbrettform angelegt, sind Bestandteil dieses einzigartigen Siedlungswerkes.
Die Hausprojekte wurden den Siedlern zur Verfügung gestellt. Dabei
hat sich vor allem das fränkische Langhaus als Haustyp fast zum
Einheitshaus durchgesetzt.
Barocke Zeugen schwäbischen Seins sind nicht nur die Giebelhäuser,
man begegnet ihnen sowohl bei den kirchlichen Bauten als auch bei den
Flur- und Wegkreuzen oder bei der Familiengruft. Nicht zuletzt die Wallfahrtsstationen,
die viele Dörfer hatten z.B. in Form eines Kalvarienberges, sind
ebenfalls stumme Zeugen schwäbischen Seins aus jener Zeit.
Der "Ausgleich" innerhalb
der Donaumonarchie
Der im Jahre 1867 geschlossene "Ausgleich" zwischen dem Kaiser
und den Madjaren stellte die Monarchie auf völlig neue Grundlagen.
Die von Österreich geschaffene Militärgrenze wurde Ungarn
unterstellt. In der östlichen Hälfte der Monarchie wurden
die Madjaren die alleinigen Herren. Die Madjarisierung wurde in alle
Bereiche des öffentlichen Lebens getragen. In den Schulen wurde
die deutsche Unterrichtssprache schrittweise durch die Ungarische ersetzt,
das Deutsche Theater wurde 1896 geschlossen. Innerhalb der Kirche jedoch
hing die Madjarisierung ganz vom Gewissen des jeweiligen Priesters ab
und war dementsprechend von Kirche zu Kirche verschieden. Die meisten
Priester stammten jedoch aus den eigenen Reihen und verstanden es, die
schwierige Lage der damaligen Zeit gut zu meistern. Nachdem Wien seine
Beamten zurückgezogen hatte, wurden diese durch den ungarischen
Komitatsadel ersetzt. Genau dieser Adel war die treibende Kraft der
Madjarisierung. Die Neuordnung schwächte die Stellung der Deutschen
im Banat. Waren die Einwanderer bis zu diesem Zeitpunkt nur von einem
Ende des Reichs ans andere umgezogen, so waren sie danach in die Rolle
einer Minderheit verdrängt. Die sich bis zur Unerträglichkeit
steigernde Madjarisierung während der Doppelmonarchie hatte schwere
Folgen für die Banater Schwaben.
Die
Dreiteilung des Banats; die Zwischenkriegszeit

Nach dem Ersten Weltkrieg
(1914-1918) brach Österreich-Ungarn, das im 19. Jahrhundert schon
in einer tiefen Krise steckte, vollends zusammen. Infolge des Vertrags
von Trianon (1920) wurde das Banat dreigeteilt. Der größte,
östliche Teil (zwei Drittel) fiel an Rumänien, der westliche
(ein Drittel) an Jugoslawien und der kleinste, nördliche (nur ein
paar Dörfer um Szeged) an Ungarn.
Für die Banater Schwaben in Rumänien hatte dies eine historische
Bedeutung: die Befreiung von der zunehmenden Madjarisierung und freie
kulturelle Entfaltung. Der rumänische Staat hat durch die Karlsburger
Beschlüsse am 30. November 1918 die Vorausetzungen dafür geschaffen:
"Jedes Volk wird sich in seiner eigenen Sprache unterrichten, verwalten
und richten und zwar durch Angehörige des eigenen Volkes".
Schon 1919 wurden in den Banater Dörfern deutsche Schulen wiedereröffnet.
Zu einem euphorischen Geburttagsfest wurde die Zweihundert-Jahr-Feier
der Ansiedlung der Deutschen im Banat am 8. September 1923. Fast einhunderttausend
Menschen haben sich in Temeswar bei der größten banat-schwäbischen
Feier, die jemals stattgefunden hat, zu ihrer Geschichte und ihrer Herkunft
bekannt. Es war die Sternstunde der Banater Schwaben gekommen, die selbstbewußt
auf ihre außergewöhnlichen wirtschaftlichen und kulturellen
Leistungen verweisen konnten.
Es kann und darf nicht geleugnet werden, daß die Banater Schwaben
dank der Toleranz des rumänischen Staates ihre nationale Identität
wiederfanden.
In der Zwischenkriegszeit, 1926-1942, unterstützte die deutsche
Reichsregierung immer stärker die kulturelle und soziale Entfaltung
der Banater Schwaben mit finanziellen Mitteln, unter anderem erhielt
die Banatia-Schule große finanzielle Unterstützung aus Berlin.
Nachdem General Antonescu 1940 mit der Regierungsbildung betraut wurde,
kam es zu einem Abkommen zwischen Berlin und Bukarest, aufgrund dessen
alle Wehrpflichtigen deutscher Volkszugehörigkeit in die deutsche
Armee eingezogen wurden.
Die
Nachkriegszeit unter der kommunistischen Diktatur
Am 23. August 1944 brach Rumänien das Bündnis mit den Achsenmächten
und trat auf die Seite der Allierten. Erst nach dem Frontwechsel Rumäniens
und der Machtübernahme seitens der Kommunisten hat sich das Schicksal
der Banater Schwaben in Rumänien schlagartig geändert. Es
begann im Herbst 1944 mit der Flüchtlingswelle in Richtung Deutschland.
Etwa 15000 Menschen konnten vor der herannahenden Roten Armee flüchten.
Dem folgten:
1945
die Zwangsverschleppung aller arbeitsfähigen Deutschen beiderlei
Geschlechts im Alter von 17 bis 45 (Männer) bzw. 18 bis 35 (Frauen)
in Arbeitslager nach Rußland. Von 45000 Verschleppten verloren
7000 ihr Leben in den russischen Arbeitslagern . Die Überlebenden
wurden 1950 in die Heimat entlassen.
-
1948
war die Enteignung des gesamten landwirtschaftlichen Eigentums
durch
die "Kollektivierung" vollzogen. Auch die Verstaatlichung
der Industrie- und Handwerksbetriebe wurde 1948 durch die "Nationalisierung"
durchgeführt. Der deutschen Bevölkerung war somit ihre
Existenz genommen.
-
1951
als Krönung der kommunistischen Willkürherrschaft in Rumänien
folgte die Deportation von etwa 45000 Deutschen aus dem Grenzgebiet
zu Jugoslawien in den Baragan. So sollten vermeintliche Gegner des
Kommunismus, sogenannte "Klassenfeinde"
entfernt werden. Die Deportierten durften ihren Wohnort nur in einem
Umkreis von 15 km verlassen und trugen im Personalausweis über
dem Lichtbild den Vermerk "D.O." (Domiciliu Obligatoriu),
"Zwangsaufenthalt".
Bei
den meisten Banater Schwaben festigte sich nach all diesen Demütigungen
die Überzeugung, nur noch Fremde in der Heimat zu sein. Bei vielen
reifte schon damals der Entschluß, so bald wie möglich die
zur Fremde gewordene und so unsichere Heimat zu verlassen und in das
Land der Vorfahren zurückzusiedeln. Möglich wurde dies jedoch
für die Meisten von ihnen erst infolge eines Abkommens zwischen
der Bundesrepublik Deutschland und Rumänien im Jahre 1978. Ab diesem
Zeitpunkt begann ein gewaltiger Aussiedlungsprozeß, der sich in
den 80er Jahren noch verstärkte und auch nach der politischen Wende
von 1989 nicht mehr aufzuhalten war. Der Prozeß der Aussiedlung
war unumkehrbar geworden. Heute leben schätzungsweise noch etwa
30000 Landsleute im Banat, womit der Banater Abschnitt deutscher Siedlungsgeschichte
endgültig der Vergangenheit angehört. Die Banater Schwaben
haben jedoch durch ihre wirtschaftlichen und kulturellen Leistungen
dem deutschen Namen im Südosten Europas Ehre und Ansehen eingebracht.
Späte
Rehabilitation
Im
Jahre 1990 wurde ein Dekret erlassen, durch welches die Jahre der
Zwangsarbeit
und die der Deportation als Dienstjahre zur Berechnung der Rente angerechnet
werden, wobei jedes Haft- und Internierungsjahr als ein Jahr und
sechs
Monate Dienstzeit zählt. Es handelt sich um Zeiten, in denen eine
Person nach
dem 6. März 1945 aus politischen Gründen in
einem Zwangsaufenthalt wohnen mußte oder nach
dem 23. August 1944 ins Ausland deportiert wurde.
Am 1. Mai 1997 hat sich der rumänische Außenminister Adrian
Severin bei dem deutschen Außenminister Klaus Kinkel für
das Unrecht, das der deutschen Bevölkerung während der kommunistischen
Diktatur zugefügt worden ist entschuldigt. In dieser Erklärung
verurteilte er sowohl das den Deutschen zugefügte Leid in der Nachkriegszeit
wie die Verschleppung der Deutschen zur Zwangsarbeit in russische Arbeitslager
und die Deportation der Banater Schwaben in die Baragan-Steppe, als
auch den entwürdigenden Tauschhandel in den 70er und 80er Jahren,
als erhebliche Finanzleistungen bei der Familienzusammenführung
der ausreisewilligen Deutschen gefordert wurden, das so genannte "Kopfgeld".
Dabei verurteilte er zutiefst diese traumatischen Praktiken und sprach
seine Entschuldigung für das Geschehene aus "als eine Geste
der moralischen Wiedergutmachung an jenen Bürgern Deutschlands,
die früher Bürger unseres Landes waren, deren Schicksal von
solchen verdammenswerten Taten bleibend geprägt ist."
Diese von dem Außenminister abgegebene und schon längst fällige
Erklärung wurde von den Betroffenen mit Genugtuung aufgenommen,
kann jedoch das Geschehene nicht ungeschehen machen.
Elisabeth
Packi, 2002
Literaturnachweis:
- "Die
Banater Deutschen, ihr Land, ihre Geschichte", von Sepp Schmidt,
aus der Schriftenreihe der Landsmannschaft der Banater Schwaben /
Arbeitsheft 15, 1990 München
- "Das
Banat", von Helmut Schneider, Konrad-Theiss-Verlag, 1986 Stuttgart
- "Nikolaus
Engelmann / Die Verteidigung des Bescheidenen / Kirche, Schule und
Schrifttum der Banater Schwaben", von Horst Fassel, Herausgeber:
Bundesvorstand der Landsmannschaft der Banater Schwaben, 1998 München
- "Die
Beweggründe der Deportation / Das Leben im Zwangsaufenthalt in
der Baragan-Steppe", von Wilhelm Weber, Eigenverlag Landsmannschaft
der Banater Schwaben, 1998 München
- "Der
Brockhaus in 24 Bänden / Die Enzyklopädie", 1996
- "Die
Banater Schwaben", von Josef Wolf, Herausgeber: Landsmannschaft
der Banater Schwaben, 1998 München
Bildnachweis:
- Lageplan
des Banats, Landsmannschaft der Banater Schwaben
- Banater
Häuserreihe, Fotosammlung der Familie Welter, Billed
- Banater
Kirche, Fotosammlung der HOG Billed
- Die
Übergabe der Festungsschlüssel an Prinz Eugen, Foto v. Wilhelm
Weber nach einem Gemälde v. Desider Sinkovich
- Banater
Dorfschule (Neubeschenowa), Banater Wandkalender, 1998, Landmannschaft
der Banater Schwaben
Copyright © 2002 by Elisabeth
Packi - Berlin
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